Dietrich Schwanitz in "Bildung - alles, was man wissen muss" über Wilhelm II. und den Wilhelminismus:
Das Image der Deutschen, die früher als verträumte Poeten und skurrile Gelehrte angesehen wurden, ändert sich: Jetzt sieht man ihn als unberechenbaren, aber seelenlosen Pickelhaubenträger, ein Kerl aus Metall, durch vernünftiges Reden nicht mehr erreichbar. In Mitteleuropa ist ein Monster erschienen.
In der arabischen Welt hat das Internet mitgeholfen, Diktaturen zu stürzen – doch auch in Deutschland kommt vieles in Bewegung. Wohl noch nie war es so einfach, Menschen für politische Ziele zu mobilisieren.
Ich lese derzeit Jürgen Mirows "Weltgeschichte" (Piper-Verlag 2009). Das Buch ist in die theoretische Grundlegung und den Verlauf der Weltgeschichte unterteilt. Es beginnt 6 Millionen Jahre v.u.Z. mit der biologischen Evolution des Menschen, arbeitet sich dann von der neolithischen Revolution bis zur ökonomischen Globalisierung vor.
Besonders bei der theoretische Grundlegung hat Mirow einen interessanten Ansatz aufzuweisen. Der Historiker legt seinen Erklärungsfokus auf einen Vernetzungs- und Innovationsgedanken, also Austausch und technologische Innovation als hauptsächliche Triebfedern der Geschichte. Von der Ausbreitung von Basinnovationen wie Ackerbau, Viehzucht und Metallverarbeitung, bishin zur ökonomischen Globalisierung war es die Vernetzung, die Veränderungen ermöglicht und in einem dynamischen Prozess beschleunigt hat.
Natürlich muss bei diesem Ansatz wie bei jedem Raster der Geschichtserfassung einiges durchschlüpfen. Dennoch erscheint er mir pragmatischer und weniger theoriebeladen als klassische systemtheoretische, liberal-ökonomische, marxistische Modelle oder Modernisierungstheorien. Denn die Bezugsgröße der Betrachtung sind in diesem Modell nicht Völker oder Nationen, sondern Netzwerke der Wirtschaft, der Herrschaft und der Kultur. Die Theorie ist damit deutlich flexibler als spezifische historische Theorien wie die Modernisierungstheorie, die um bestimmte historische Ereignisse "herumgebaut" wurde.
Was sich daher besonders elegant an diesem Ansatz erweist, ist die generelle Anwendbarkeit auf alle Epochen der Weltgeschichte - eben vom Austausch der Basisinnovation Ackerbau bis zur globalen wirtschaftliche und informationellen Vernetzung im ausgehenden 20. Jahrhunderts/beginnenden 21. Jahrhunderts. Immerhin rund 100 eng beschriebene Seiten gönnt Mirow der Ausarbeitung dieser Theorie.
Damit schafft es Mirow im theoretischen Teil die wissenschaftliche Theorie und Grundlage herzuleiten, um diese dann auf den Gegenstand der Betrachtung - in diesem Fall tatsächlich die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit - anzuwenden. Nebenbei spricht er dabei mit interdisziplinären die verschiedenen Methoden und Ansätze zur prozessorientierten Geschichtserfassung zumindest alle mal kurz an. Endlich jemand, der, um es mit Popper zu sagen, "das Netz auswirft, um die Wahrheit einzufangen". Oberflächliche Betrachtungen, die mit Begriffen aus der Biologie hantieren - beispielsweise die beliebte Metaphorik von Blüte, Reife und Niedergang (vgl. z.B. Oswald Spengler), lehnt er natürlich zu recht ab.
Die Schattenseiten des Buches finden sich dann leider im eigentlichen historischen Teil des Buches - insbesondere dort, wo Mirow die Vorgeschichte des Menschen beschreibt, wo die Quellenlage dürftig ist. Leider weist der Autor nicht darauf hin, sondern schreibt Spekulationen als Tatsachen auf wie die Behauptung, archaische Gesellschaften seien Gemeinschaften von Freien und Gleichen ohne ausgeprägte Hierachie gewesen.
Als ich das erste Mal in einem Chaosradio-Express-Podcast als Intro gehört habe, hatte ich kurz diesen Schauer der Geschichte verspürt. Diese Idee davon, was der Mensch gerade schafft. Das, was auch Stephen Hawking in etwa so ausdrückt: Dass sich der Mensch durch Technologie von den Fesseln der langsamen sich per Zufall entwickelnden biologischen Evolution gelöst hat und nun die eine externen zielgerichtete Evolution in Gang gesetzt hat, die sich selbst beschleunigt.
Ich habe mir gerade den Podcast zu Wikileaks bei Küchenradio mit Wikileaks-Mitglied Daniel Schmitt angehört - und das Projekt hinterlässt von seiner Konzeption bei mir einen zwiespältigen Eindruck.
Sicher, Wikileaks.org gebühren große Verdienste. In einer Zeit, in der investigativer Journalismus immer stärker dem Kostendruck zum Opfer fällt, übernimmt das Projekt eine sehr wichtige Funktion in der Gesellschaft, zu der die Medien offenbar immer seltener in der Lage sind. Nicht Medien konnten den brisanten Toll-Collect-Dokumenten habhaft werden - dazu brauchte es Wikileaks. Aber auch diesseits des Atlantiks kam das US-Militär mit der Geheimhaltung eines Videos, das ein US-Massaker im Irak zeigte durch - bis es die Plattform veröffentlichte.
Dokumentation oder Interpretation?
Daniel spricht im Interview mit Küchenradio viel darüber, wie wichtig es sei, den Inhalt des Irak-Videos vor der Veröffentlichung geheim zu halten. Ansonsten könne sich die US-Propagandamaschinerie auf die Veröffentlichung des Videos vorbereiten und hätte bei Veröffentlichung sofort eine Interpretation der Ereignisse parat, mit der sie die öffentliche Meinung manipulieren könnten, so argumentiert er. Stattdessen solle die Weltöffentlichkeit die Chance bekommen, die Bilder unvoreingenommen betrachten zu können - ohne Interpretation.
Leider verzichtete auch Wikileaks selbst nicht auf die Interpretation des Gezeigten, sondern liefert sie in Form eingeblendeter Texte mit. Schon das Orwell-Zitat zu Anfang zeigt, dass es sich bei Wikileaks weniger um eine um Neutralität bemühte Aufklärer-Plattform handelt, als vielmehr um politische Aktivisten mit einer klaren politischen Agenda. Die Interpretation des Gezeigten durch die Texteinblendungen war mutmaßlich auch einer der Günde, warum viele etablierte Medien erst einen Tag später berichteten.
Wikileaks als Denunziantenplattform?
Eine schlüssige Beantwortung der Frage, wie Wikileaks die komplett anonym hochgeladenen Daten auf Authentizität prüft, bleibt Daniel in dem Interview meiner Ansicht nach schuldig. Es werde geprüft, betont er zwar - aber wie, verrät er nicht. Mir persönlich fällt angesichts der komplett anonymen Quelle und einer Personalstärke, die aus einem kleinen Kreis von Freiwilligen besteht, kein gangbarer Weg ein.
Auch die Frage nach einer Güterabwägung zwischen öffentlichem Interesse an geheimen Dokumenten und dem Schutz der Privatsphäre beantwortet das Projekt aus meiner Sicht unbefriedigend. "Im Zweifel für die Veröffentlichung", fasst Daniel die Policy des Projekts zusammen. So will Wikileaks beispielsweise auch 37.000 interne E-Mails der NPD veröffentlichen - ungefiltert. Man kann davon ausgehen, das unter diesem kaum zu überschauendem Datenhaufen auch viele private Informationen zu finden sind. Die Plattform veröffentlichte außerdem interne Mitgliedlisten der britischen neonazistischen BNP.
Kritisch muss man sich auch Fragen, ob eine Veröffentlichung interner Kommunikation aus anderen Organisationen - man nehme als Beispiel mal eine etablierte Partei wie Grüne oder SPD - mit ähnlichem Wohlwollen aufgenommen würde. Gilt das Briefgeheimnis nicht auch für vertrauliche E-Mails? Sollten Bürgerrechte wie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht unteilbar sein?
Wikileaks muss die Ethikdebatte führen
Was mich am meisten stört ist die Tatsache, dass die von Philip Banse angesprochenen Ethik-Fragen offenbar nicht einmal projektintern ein Thema sind. Es greift das um sich, was man leider häufig unter jenen findet, die sich für eine gute Sache einsetzen: Als ehrenamtlicher Streiter gegen die dunklen Mächte dieser Welt ist man schon mal grundsätzlich im Recht.
Leider scheint das auch die Sicht einiger Medien zu sein, die beispielsweise die wenig belegte Behauptung verbreiteten, Wikileaks-Mitarbeiter würden vom CIA verfolgt - bishin zu seriösen Medien wie n-tv.de und sueddeutsche.de. Ausgerechnet die Taz ist hier vorsichtiger und titelte korrekter: "Wikileaks fühlt sich verfolgt". Es sei an das alte Hajo-Friedrichs-Motto erinnert: "Mache Dich nie gemein mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten".
Das Wikileaks-Projekt ist gut und wichtig - gerade in einer Zeit, in der die etablierten Medien ihrer gesellschaftlichen Aufgabe immer weniger nachkommen wollen oder können. Aber auch Wikileaks muss sich den kritischen Fragen nach einer Güterabwägung zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse, zwischen Aufklärung und Denunziantentum und zwischen korrekter Berichterstattung und Gerüchte stellen.
Die Beantwortung dieser Fragen ist dabei allesamt sehr diffizil. Was sind öffentliche Daten, was private? Kann auch an privaten Daten ein öffentliches Interesse bestehen, das schwerer wiegt als der Schutz der Privatsphäre? Wie kann die Authentizität eines Dokuments geprüft werden, bevor es veröffentlicht wird? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen aber sie stellen sich - und müssen im Dialog mit der Gesellschaft beantwortet werden.
Update: Nach dem Hinweis von supagruen in den Kommentaren habe ich mir auch die erste Küchenradio-Folge angehört, in der Daniel Schmitt zu Wikileaks interviewt wird - und ich bin ehrlich schockiert. Daniel sagt dort, das einzige Kriterium, nach dem Wikileaks entscheidet, ob sie ein Dokument veröffentlichen, sei - neben der technischen Fragen, ob es noch nicht veröffentlicht wurde - die Relevanz.
Dann widerspricht er sich jedoch und sagt, das Wikileaks-Team könne sich nicht anmaßen zu entscheiden, was für irgendwen relevant sei oder nicht - das müsse derjenige tun, der das Dokument hochlädt. Wikileaks würde daher natürlich auch sehr private Daten wie beispielsweise Namen und Adressen von Teilnehmern eines schwulen Chat-Rooms veröffentlichen, sollte jemand ein solches Dokument hochladen.
Offensichtlich haben wir es bei Wikileaks mit Ideologen zu tun, bei denen außer die Informationsfreiheit keine anderen Werte mehr zählen. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich für das Projekt spenden soll. Aber unter diesen Umständen auf gar keinen Fall.
Geld veruntreut, Ehefrau betrogen und nun auch noch Gerüchte über ein massives Alokoholproblem - wäre die Marktwirtschaft ein Politiker in einem Wahlkampf, müsste so das derzeitige Image unserer Wirtschaftsordnung und ihrer Protagonisten beschrieben werden.
Das schreibt Volkswirtschaftsstudent Christopher Krämer für das Handelsblatt (leider nicht online) in einem Essay über die Moral von Unternehmern. Anlass ist der 80. Geburtstags des unter ungeklärten Umständen ermordeten Ex-Deutsche-Bank-Vorstands Alfred Herrhausen.
Das Problem ist längst erkannt - auch von Managern. Ethikseminare für Führungskräfte, Begriffe wie "Corporate Responsibility" und sogar ISO-Normen für soziales unternehmerischen Handeln sprießen aus dem Boden.
Das allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Denken der angelsächsischen Betriebswirtschaftlehre hat die Welt nahe an den Abgrund gebracht - können Ethikseminare künftige Katastrophen verhindern? Viel zu oft scheint es, als seien die nun so häufig betonten Schlagwörter eine reine Reaktion auf den öffentlichen Druck, keine Einsicht und intrinsische Moral-Motivation, die aus Reflexion gewonnen wurden.
In der Betriebswirtschaftlehre gibt es den Begriff der "License to operate". In angelsächsischen Lehrbüchern findet sich häufig eine enge Definition des Begriffs: Die rein juristische Erlaubnis, einen Betrieb zu führen. Deutschsprachige BWLer wie Prof. Ulrich Gilbert von der Universität Erlangen-Nürnberg vertreten eine breiter definierte Bedeutung: Das Unternehmen erhält seine "License to operate" auch von der Gesellschaft, deren Teil es ist.
Ohne die Gesellschaft, ohne Staat und Bürger, die auch Kunden und Arbeitnehmer sind, kann kein Unternehmen existieren. Die Gesellschaft erlaubt dem Unternehmer tätig, produktiv und innovativ zu sein. Doch diese "License to operate" ist nicht in Stein gemeißelt und kann von der Gesellschaft auch eingeschränkt oder gar ganz zurückgezogen werden, sollte sie das Gefühl haben, der Unternehmer missbraucht seine Freiheit.
Mit anderen Worten: Ethisch zu handeln ist für Unternehmen kein Feigenblatt oder eine Imagekampagne, sondern überlebenswichtig. Insofern irrt der Chef von Goldman Sachs Deutschland, wenn er breitbeinig verkündet, Banken seien nur ihren Aktionären, nicht aber dem Gemeinwohl verpflichtet.
Wie aber sollen Unternehmen in dieser bisher schwersten Legitimationskrise des Kapitalismus seit dem Manchester-Liberalismus reagieren? Manager-Ethikseminare, ISO-Richtlinien - alles schön und gut. Aber eine neue ernst gemeinter Verantwortung für die Gesellschaft muss auch mit Leben, mit Gesichtern erfüllt werden, die das glaubwürdig vertreten.
Das wird nicht gelingen, wenn große Konzerne auch weiterhin ihre Führungsriege allein mit "Fachidioten" besetzen, die bereits ihr Leben durch die Wahl des Studiums in den Dienst der Gewinnmaximierung gestellt haben. Als Teil der Gesellschaft müssen Unternehmen, deren Entscheidungen die gesamte Gesellschaft betreffen, das rein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Denken durchbrechen: Holt Soziologen, Philosophen, Psychologen und Historiker in die Vorstände und Aufsichtsräte und lasst Unternehmen endlich als das begreifen, was sie sind: Ein Teil der Gesellschaft, die der Gesellschaft dienen - und nicht umgekehrt. Nur so können Unternehmen langfristig verhindern, das demokratische Gesellschaften die "License to operate" noch einmal überdenken.
In einem sehr interessanten Interview mit der Wirtschaftswoche erläutert Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, wie auf Shareholder-Value-Prinzipien verkürzte MBA-Studiengänge aus seiner Sicht zur Finanzkrise beigetragen haben. Auf die Frage, warum Manager versagen, antwortet er:
Das hat mit Egozentrik zu tun, mit Abschottung, intellektuellem und seelischem Autismus. Mit fehlender Verantwortung für ein größeres Ganzes, das über die eigenen, aber auch die Interessen des Unternehmens hinausgeht. Es hat zu tun mit mangelnder Reflexionsfähigkeit und Selbstkritik. Sich selbst im Spiegel anzuschauen und zu sagen: Was machst du hier eigentlich und warum?
Ich glaube, dass Sattelbeger hier einen wunden Punkt trifft. Als vorgestern die FTD 10 Jahre alt wurde habe ich mir die Jubiläumsausgabe gekauft, die ein interessantes Experiment wagte: Sie bestand aus insgesamt vier Ausgaben, eine von Schülern, eine von Spitzenpolitikern, eine von Künstlern und eine von Top-Managern. Viermal dieselbe Weltlage, vier verschiedene Gewichtungen und Interpretationen.
In keiner der Ausgaben herrschte ein derartiger Tunnelblick und ein auf die Gewinnmaximierung reduziertes Schmalspurdenken wie in der Ausgabe der Top-Manager. Zum Ausdruck kommt das insbesondere in einem Kommentar von RWE-Chef Jürgen Großmann unter der Überschrift "Das Museum Europa braucht Leben" (leider nicht online). Dort schwärmt er von Stahl, schweren Maschinen und Energie, fordert unumwunden 100 Mrd. Euro Subventionen für "zukunftsweisende Forschung" und mokiert sich über das "Museum Europa", das Besucher aus aufstrebenden Wachstumsmärkten wie China, vor allem wegen seiner Geschichte und Kultur besuchten.
Während dort also die Dampflokomotive aus Kohle und Stahl zügig Richtung Zukunft braust, ist Europa eine Ansammlung von Bedenkenträgern und Bremsern:
Dieses Dilemma gilt für nahezu jede Industrie im Land: Irgendwo finden sich immer drei Bürger zusammen, hinzu gesellen sich Anwalt, Lokalpolitiker und eine Regionalzeitung. Gemeinsam üben sie öffentlichen Druck aus, um den Standort ein kleines Stück unattraktiver zu machen. Kein Wort über Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wohlstandssicherung. Inzwischen wird schon gegen Windräder demonstriert, demnächst wahrscheinlich auch gegen Feldhamster. Milliarden von Investitionen liegen auf Halde. Im schlimmsten Fall werden diese gewaltigen Summen in anderen Ländern Wohlstand schaffen.
Erstens entsetzt mich die Tatsache, dass es für den RWE-Chef offenbar nichts Schlimmeres gibt, als dass in anderen Ländern - insbesondere Schwellenländern mit immer noch großer Armut - Wohlstand geschaffen wird. Zweitens verwundert mich die von Herrn Großmann eng definierte Bedeutung von Wohlstand: Wohlstand, das sind in Großmanns Welt Maschinen, Kraftwerke, Großprojekte. Dass Menschen in einer derart an materiellem Gütern überreichen Gesellschaft wie Deutschland, anderen Definitionen von Wohlstand anhängen, kommt Großmann nicht in den Sinn: Eine intakte Umwelt, eine nicht verschandelte naturbelassene Landschaft und auch der von Großmann belächelte kulturelle Reichtum Europas.
Ein Mann mit einem derart eingeschränktem Denken trägt für 66.000 Mitarbeiter als Vorstandsvorsitzender Verantwortung und ist unter anderem in den Aufsichtsräten von Deutscher Bahn, Volkswagen und British American Tabacco vertreten.
Eben war ich bei McDonald's und habe dort den "Focus" durchgeblättert. Ich hatte die Wahl zwischen "Bunte", "In Touch" und dem "Focus" - insofern. Nach wie vor handelt es sich beim "Focus" um eine Art "Bild"-Zeitung im "Spiegel"-Format mit etwas anderer Schwerpunktsetzung: Ein erweitertes Anlegermagazin mit viel Trash und Boulevard, für alle, denen "Euro am Sonntag" zu hoch ist.
Natürlich schlachtet auch der "Focus" den Amoklauf von Ansbach weidlich aus und präsentiert auf einer Doppelseite ausführlich das Innenleben von Georg R., der mit Messern, einer Axt und Molotowcocktails bewaffnet einen Amoklauf an seiner Schule verübte, dabei aber sowohl mit seiner Fremd- wie Selbsttötungsabsicht scheiterte.
Ich weiß nun ziemlich viel über Georg R. Ich kenne seine Tötungsphantasien, seine sexuellen Phantasien, seinen Hass, einen Teil seiner Probleme usw. Ausführlich wurde aus dem privaten Tagebuch des mutmaßlichen Täters zitiert, das dieser vor der Tat von seinem PC löschen ließ. Die Ermittler rekonstruierten es und werden in dem Artikel mit den Worten zitiert, dass die Aufzeichnungen so ausführlich über das Seelenleben des 18-Jährigen Auskunft geben, dass die Behörden sogar erwägen, den behandelnden Psychiater gar nicht zu befragen.
Zwischen Burger und Pommes stellten sich mir ein paar Fragen: Leben wir in Deutschland nicht eigentlich in einem Rechtsstaat, der sich auch dadurch auszeichnet, das er Grundrechte allen Bürgern garantiert - auch (mutmaßlichen) Verbrechern? Zum Beispiel das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Natürlich ist so ein Grundrecht nicht unantastbar: Wenn das öffentliche Interesse höher zu bewerten ist als ein Grundrecht, kann es eingeschränkt werden, beispielsweise bei einer öffentlichen Foto-Fahndung, die bei besonders schweren Verbrechen angebracht sein kann.
Aber der Tatverdächtige ist gefasst, die Beweislage völlig klar. Warum gibt die Staatsanwaltschaft derartige Ermittlungsergebnisse an die Öffentlichkeit preis? Liegt ein öffentliches Interesse vor? Ich kann keines erkennen, außer vielleicht, die Sensationsgier der Massen und das Interesse der Medien.
Niemand fragt in diesem kritisch Fall nach, warum wirklich halb Deutschland erfahren muss, welche Pornos Georg R. vor der Tat gesehen hat und was seine intimsten Gedanken waren. Alle profitieren davon: Die Ermittler, die sich auf großen Pressekonferenz endlich mal richtig wichtig fühlen können, die Medien, die mit dem Thema die Auflage/Klicks steigern und die Öffentlichkeit, die ihre Sensationsgier befriedigen kann.
Wohl kein Beamter oder Politiker würde es wagen, diese Maschinerie des Ausschlachtens eines Verbrechens zu kritisieren. Schließlich würde er sich damit in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit vor einen Amokläufer stellen.
Dieses Zusammenspiel zwischen Medien und Ermittlern ist aber nicht nur kritikwürdig, weil es die Grundrechte verletzt. Es ist genau diese Konzentration auf den Täter und sein Seelenleben in der Berichterstattung, die noch weitaus fatalere Folgen haben kann. Die Psychologin Karoline Roshdi, die ein Forschungsprojekt mit dem Schwerpunkt Amokläufe betreut, erläutert das so:
Bei der Zunahme der Amoktaten gibt die Expertin auch einigen Medien eine Mitschuld. Viele Jugendliche nutzten die Berichterstattung, um sich detailliert mit den Motiven der Täter auseinander zusetzen. Sie fänden Parallelen zu ihrer eigenen Lebenssituation, was in Einzelfällen zu einer Heroisierung und Identifizierung beitragen könne.
Nach dem Amoklauf von Winnenden habe "bild.de" beispielsweise den Nutzern mittels einer Applikation erlaubt, den Weg des Amokläufers virtuell nachzuvollziehen. "Das darf einfach nicht passieren", zeigt sie sich fassunglos. Stattdessen fordert sie, den Opfern der Tat in der Berichterstattung mehr Platz einzuräumen.
Der Soziologe Dr. Sascha Liebermann ist Assistent an der Universität Dortmund und Sprecher der Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung.
Kaum jemand hat meines Erachtes je die Vorzüge eines bedingungslosen Grundeinkommens aus liberaler Sicht so präzise auf den Punkt gebracht, wie Liebermann in diesem Interview.
Nun fehlt nur noch die liberale Partei, in der diese Position mehrheitfshähig ist. Auf die FDP setze ich da wenig.
Mit Jugendbewegungen ist das so eine Sache. Ich war immer überzeugt davon, nie Teil irgendeiner gewesen zu sein. Und jetzt merke ich gerade: Irgendwie war ich es doch. Auch wenn sich diese Jugendbewegung gerade eher durch einen Mangel an Bewegung auszeichnete.
Wie das bei Jugendbewegungen so ist, merk man meist erst hinterher, dass es eine war. Und dann ist es meist auch schon spät, die Ideale verkauft, die phänotypischen Erscheinungsformen der Jugendkultur kommerzialisiert. Die Jugendbewegung, der ich gerade vermute, mal angehört zu haben, befindet sich gerade in der Phase, in der sich die Hippies wohl so um 1967 befunden haben müssen: Man spricht über sie, man nimmt sie wahr - und damit geht sie schnurstracks ihrem Ende entgegen.
Nur, dass diesmal alles irgendwie schneller und unkomplizierter geht. Immerhin hat man ja in der BRD inzwischen eine gewisse Routine im Eingliedern von Jugendbewegungen. Die ex-jugendbewegte 68er-Generation war sogar geradezu enttäuscht über den Mangel an Jugendbewegungen seit den 80ern.
Das, was wir heute 68er und Hippies nennen, waren vor 1967 wohl diejenigen, die das Wohlstandsstreben ihrer Elterngeneration ablehnten, sich die Haare lang wachsen ließen und auf der Suche nach Sinn von promiskem Sex über ostasiatischen Religionen bis Drogen so einiges durchprobiert haben. Spätestens seit dann Anfang der 70er Jahre die Industrie die Kultur der Hippies kommerzialisierte und einige Jahre später mit der Parteigründung der Grünen der Marsch durch die Institutionen begann, kann man die Bewegung wohl als mausetot betrachten.
Allerdings war denjenigen Jugendlichen, die vor 1967 Joints geraucht und lange Haare getragen haben, wahrscheinlich auch nicht wirklich klar, dass sie Teil einer Jugendbewegung sind. Die Jugendbewegung, der ich nun vermute, angehört zu haben, war zu ihren Lebzeiten besonders schwer als solche zu erkennen. Ein Merkmal war nämlich gerade, dass sich ihre Angehörigen ganz besonders wenig bewegt haben - und dafür lieber vor dem PC hockten. Ansonsten haben sie "1984" gelesen, Richard Stallman zugehört und Angst vor dem Überwachungsstaat gehabt, was aber gut auch daran gelegen haben könnte, dass wir so wenig raus kamen.
Auf jeden Fall merke ich gerade, dass ich da offenbar nicht ganz alleine war. Auch andere haben "1984" gelesen, Linux auf ihren Kisten installiert und inzwischen die Piratenpartei gegründet. Die Medien freuen sich natürlich, dass sie mal wieder ein Thema haben, bei dem sie Leute unter 30 zeigen können. Die traten in der Berichterstattung der vergangenen Jahre höchstens mal als Killerspieler oder Amokläufen in Erscheinung. Nerds mit Piratenhüten sind da schon netter anzusehen.
Wie auch schon bei vergangenen Jugendkulturen hat sich die Werbeindustrie bereits auf die Vorreiter der Bewegung gestürzt: Schon werben Sascha Lobo und "Schnutinger" für Vodafone. Damit kann man die Phase der "Bewegung" dann wohl für beendet erklären - jetzt beginnt die Etablierung im Establishment. Und zwar, ganz zeitgemäß, im Turbo-Modus.
Nicht so schlimm, so toll war's auch nicht. Sex, Drogen und Straßenkrawalle wären irgendwie spannender gewesen.