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Geld veruntreut, Ehefrau betrogen und nun auch noch Gerüchte über ein massives Alokoholproblem - wäre die Marktwirtschaft ein Politiker in einem Wahlkampf, müsste so das derzeitige Image unserer Wirtschaftsordnung und ihrer Protagonisten beschrieben werden.

Das schreibt Volkswirtschaftsstudent Christopher Krämer für das Handelsblatt (leider nicht online) in einem Essay über die Moral von Unternehmern. Anlass ist der 80. Geburtstags des unter ungeklärten Umständen ermordeten Ex-Deutsche-Bank-Vorstands Alfred Herrhausen.

Das Problem ist längst erkannt - auch von Managern. Ethikseminare für Führungskräfte, Begriffe wie "Corporate Responsibility" und sogar ISO-Normen für soziales unternehmerischen Handeln sprießen aus dem Boden.

Das allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Denken der angelsächsischen Betriebswirtschaftlehre hat die Welt nahe an den Abgrund gebracht - können Ethikseminare künftige Katastrophen verhindern? Viel zu oft scheint es, als seien die nun so häufig betonten Schlagwörter eine reine Reaktion auf den öffentlichen Druck, keine Einsicht und intrinsische Moral-Motivation, die aus Reflexion gewonnen wurden.

In der Betriebswirtschaftlehre gibt es den Begriff der "License to operate". In angelsächsischen Lehrbüchern findet sich häufig eine enge Definition des Begriffs: Die rein juristische Erlaubnis, einen Betrieb zu führen. Deutschsprachige BWLer wie Prof. Ulrich Gilbert von der Universität Erlangen-Nürnberg vertreten eine breiter definierte Bedeutung: Das Unternehmen erhält seine "License to operate" auch von der Gesellschaft, deren Teil es ist.

Ohne die Gesellschaft, ohne Staat und Bürger, die auch Kunden und Arbeitnehmer sind, kann kein Unternehmen existieren. Die Gesellschaft erlaubt dem Unternehmer tätig, produktiv und innovativ zu sein. Doch diese "License to operate" ist nicht in Stein gemeißelt und kann von der Gesellschaft auch eingeschränkt oder gar ganz zurückgezogen werden, sollte sie das Gefühl haben, der Unternehmer missbraucht seine Freiheit.

Mit anderen Worten: Ethisch zu handeln ist für Unternehmen kein Feigenblatt oder eine Imagekampagne, sondern überlebenswichtig. Insofern irrt der Chef von Goldman Sachs Deutschland, wenn er breitbeinig verkündet, Banken seien nur ihren Aktionären, nicht aber dem Gemeinwohl verpflichtet.

Wie aber sollen Unternehmen in dieser bisher schwersten Legitimationskrise des Kapitalismus seit dem Manchester-Liberalismus reagieren? Manager-Ethikseminare, ISO-Richtlinien - alles schön und gut. Aber eine neue ernst gemeinter Verantwortung für die Gesellschaft muss auch mit Leben, mit Gesichtern erfüllt werden, die das glaubwürdig vertreten.

Das wird nicht gelingen, wenn große Konzerne auch weiterhin ihre Führungsriege allein mit "Fachidioten" besetzen, die bereits ihr Leben durch die Wahl des Studiums in den Dienst der Gewinnmaximierung gestellt haben. Als Teil der Gesellschaft müssen Unternehmen, deren Entscheidungen die gesamte Gesellschaft betreffen, das rein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Denken durchbrechen: Holt Soziologen, Philosophen, Psychologen und Historiker in die Vorstände und Aufsichtsräte und lasst Unternehmen endlich als das begreifen, was sie sind: Ein Teil der Gesellschaft, die der Gesellschaft dienen - und nicht umgekehrt. Nur so können Unternehmen langfristig verhindern, das demokratische Gesellschaften die "License to operate" noch einmal überdenken.

In einem sehr interessanten Interview mit der Wirtschaftswoche erläutert Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, wie auf Shareholder-Value-Prinzipien verkürzte MBA-Studiengänge aus seiner Sicht zur Finanzkrise beigetragen haben. Auf die Frage, warum Manager versagen, antwortet er: 

Das hat mit Egozentrik zu tun, mit Abschottung, intellektuellem und seelischem Autismus. Mit fehlender Verantwortung für ein größeres Ganzes, das über die eigenen, aber auch die Interessen des Unternehmens hinausgeht. Es hat zu tun mit mangelnder Reflexionsfähigkeit und Selbstkritik. Sich selbst im Spiegel anzuschauen und zu sagen: Was machst du hier eigentlich und warum?

Quelle: wiwo.de

Ich glaube, dass Sattelbeger hier einen wunden Punkt trifft. Als vorgestern die FTD 10 Jahre alt wurde habe ich mir die Jubiläumsausgabe gekauft, die ein interessantes Experiment wagte: Sie bestand aus insgesamt vier Ausgaben, eine von Schülern, eine von Spitzenpolitikern, eine von Künstlern und eine von Top-Managern. Viermal dieselbe Weltlage, vier verschiedene Gewichtungen und Interpretationen.

In keiner der Ausgaben herrschte ein derartiger Tunnelblick und ein auf die Gewinnmaximierung reduziertes Schmalspurdenken wie in der Ausgabe der Top-Manager. Zum Ausdruck kommt das insbesondere in einem Kommentar von RWE-Chef Jürgen Großmann unter der Überschrift "Das Museum Europa braucht Leben" (leider nicht online). Dort schwärmt er von Stahl, schweren Maschinen und Energie, fordert unumwunden 100 Mrd. Euro Subventionen für "zukunftsweisende Forschung" und mokiert sich über das "Museum Europa", das Besucher aus aufstrebenden Wachstumsmärkten wie China, vor allem wegen seiner Geschichte und Kultur besuchten.

Während dort also die Dampflokomotive aus Kohle und Stahl zügig Richtung Zukunft braust, ist Europa eine Ansammlung von Bedenkenträgern und Bremsern:

Dieses Dilemma gilt für nahezu jede Industrie im Land: Irgendwo finden sich immer drei Bürger zusammen, hinzu gesellen sich Anwalt, Lokalpolitiker und eine Regionalzeitung. Gemeinsam üben sie öffentlichen Druck aus, um den Standort ein kleines Stück unattraktiver zu machen. Kein Wort über Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wohlstandssicherung. Inzwischen wird schon gegen Windräder demonstriert, demnächst wahrscheinlich auch gegen Feldhamster. Milliarden von Investitionen liegen auf Halde. Im schlimmsten Fall werden diese gewaltigen Summen in anderen Ländern Wohlstand schaffen.

Erstens entsetzt mich die Tatsache, dass es für den RWE-Chef offenbar nichts Schlimmeres gibt, als dass in anderen Ländern - insbesondere Schwellenländern mit immer noch großer Armut - Wohlstand geschaffen wird. Zweitens verwundert mich die von Herrn Großmann eng definierte Bedeutung von Wohlstand: Wohlstand, das sind in Großmanns Welt Maschinen, Kraftwerke, Großprojekte. Dass Menschen in einer derart an materiellem Gütern überreichen Gesellschaft wie Deutschland, anderen Definitionen von Wohlstand anhängen, kommt Großmann nicht in den Sinn: Eine intakte Umwelt, eine nicht verschandelte naturbelassene Landschaft und auch der von Großmann belächelte kulturelle Reichtum Europas.

Ein Mann mit einem derart eingeschränktem Denken trägt für 66.000 Mitarbeiter als Vorstandsvorsitzender Verantwortung und ist unter anderem in den Aufsichtsräten von Deutscher Bahn, Volkswagen und British American Tabacco vertreten.

Teil 2: Managermoral und die "License to operate"

Eben war ich bei McDonald's und habe dort den "Focus" durchgeblättert. Ich hatte die Wahl zwischen "Bunte", "In Touch" und dem "Focus" - insofern. Nach wie vor handelt es sich beim "Focus" um eine Art "Bild"-Zeitung im "Spiegel"-Format mit etwas anderer Schwerpunktsetzung: Ein erweitertes Anlegermagazin mit viel Trash und Boulevard, für alle, denen "Euro am Sonntag" zu hoch ist.

Natürlich schlachtet auch der "Focus" den Amoklauf von Ansbach weidlich aus und präsentiert auf einer Doppelseite ausführlich das Innenleben von Georg R., der mit Messern, einer Axt und Molotowcocktails bewaffnet einen Amoklauf an seiner Schule verübte, dabei aber sowohl mit seiner Fremd- wie Selbsttötungsabsicht scheiterte.

Ich weiß nun ziemlich viel über Georg R. Ich kenne seine Tötungsphantasien, seine sexuellen Phantasien, seinen Hass, einen Teil seiner Probleme usw. Ausführlich wurde aus dem privaten Tagebuch des mutmaßlichen Täters zitiert, das dieser vor der Tat von seinem PC löschen ließ. Die Ermittler rekonstruierten es und werden in dem Artikel mit den Worten zitiert, dass die Aufzeichnungen so ausführlich über das Seelenleben des 18-Jährigen Auskunft geben, dass die Behörden sogar erwägen, den behandelnden Psychiater gar nicht zu befragen.

Zwischen Burger und Pommes stellten sich mir ein paar Fragen: Leben wir in Deutschland nicht eigentlich in einem Rechtsstaat, der sich auch dadurch auszeichnet, das er Grundrechte allen Bürgern garantiert - auch (mutmaßlichen) Verbrechern? Zum Beispiel das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Natürlich ist so ein Grundrecht nicht unantastbar: Wenn das öffentliche Interesse höher zu bewerten ist als ein Grundrecht, kann es eingeschränkt werden, beispielsweise bei einer öffentlichen Foto-Fahndung, die bei besonders schweren Verbrechen angebracht sein kann.

Aber der Tatverdächtige ist gefasst, die Beweislage völlig klar. Warum gibt die Staatsanwaltschaft derartige Ermittlungsergebnisse an die Öffentlichkeit preis? Liegt ein öffentliches Interesse vor? Ich kann keines erkennen, außer vielleicht, die Sensationsgier der Massen und das Interesse der Medien.

Niemand fragt in diesem kritisch Fall nach, warum wirklich halb Deutschland erfahren muss, welche Pornos Georg R. vor der Tat gesehen hat und was seine intimsten Gedanken waren. Alle profitieren davon: Die Ermittler, die sich auf großen Pressekonferenz endlich mal richtig wichtig fühlen können, die Medien, die mit dem Thema die Auflage/Klicks steigern und die Öffentlichkeit, die ihre Sensationsgier befriedigen kann.

Wohl kein Beamter oder Politiker würde es wagen, diese Maschinerie des Ausschlachtens eines Verbrechens zu kritisieren. Schließlich würde er sich damit in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit vor einen Amokläufer stellen.

Dieses Zusammenspiel zwischen Medien und Ermittlern ist aber nicht nur kritikwürdig, weil es die Grundrechte verletzt. Es ist genau diese Konzentration auf den Täter und sein Seelenleben in der Berichterstattung, die noch weitaus fatalere Folgen haben kann. Die Psychologin Karoline Roshdi, die ein Forschungsprojekt mit dem Schwerpunkt Amokläufe betreut, erläutert das so:

Bei der Zunahme der Amoktaten gibt die Expertin auch einigen Medien eine Mitschuld. Viele Jugendliche nutzten die Berichterstattung, um sich detailliert mit den Motiven der Täter auseinander zusetzen. Sie fänden Parallelen zu ihrer eigenen Lebenssituation, was in Einzelfällen zu einer Heroisierung und Identifizierung beitragen könne.

Nach dem Amoklauf von Winnenden habe "bild.de" beispielsweise den Nutzern mittels einer Applikation erlaubt, den Weg des Amokläufers virtuell nachzuvollziehen. "Das darf einfach nicht passieren", zeigt sie sich fassunglos. Stattdessen fordert sie, den Opfern der Tat in der Berichterstattung mehr Platz einzuräumen.

Quelle: rp-online.de

 

Der Soziologe Dr. Sascha Liebermann ist Assistent an der Universität Dortmund und Sprecher der Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung.

Kaum jemand hat meines Erachtes je die Vorzüge eines bedingungslosen Grundeinkommens aus liberaler Sicht so präzise auf den Punkt gebracht, wie Liebermann in diesem Interview.

Nun fehlt nur noch die liberale Partei, in der diese Position mehrheitfshähig ist. Auf die FDP setze ich da wenig.

Mit Jugendbewegungen ist das so eine Sache. Ich war immer überzeugt davon, nie Teil irgendeiner gewesen zu sein. Und jetzt merke ich gerade: Irgendwie war ich es doch. Auch wenn sich diese Jugendbewegung gerade eher durch einen Mangel an Bewegung auszeichnete.

Wie das bei Jugendbewegungen so ist, merk man meist erst hinterher, dass es eine war. Und dann ist es meist auch schon spät, die Ideale verkauft, die phänotypischen Erscheinungsformen der Jugendkultur kommerzialisiert. Die Jugendbewegung, der ich gerade vermute, mal angehört zu haben, befindet sich gerade in der Phase, in der sich die Hippies wohl so um 1967 befunden haben müssen: Man spricht über sie, man nimmt sie wahr - und damit geht sie schnurstracks ihrem Ende entgegen.

Nur, dass diesmal alles irgendwie schneller und unkomplizierter geht. Immerhin hat man ja in der BRD inzwischen eine gewisse Routine im Eingliedern von Jugendbewegungen. Die ex-jugendbewegte 68er-Generation war sogar geradezu enttäuscht über den Mangel an Jugendbewegungen seit den 80ern.

Das, was wir heute 68er und Hippies nennen, waren vor 1967 wohl diejenigen, die das Wohlstandsstreben ihrer Elterngeneration ablehnten, sich die Haare lang wachsen ließen und auf der Suche nach Sinn von promiskem Sex über ostasiatischen Religionen bis Drogen so einiges durchprobiert haben. Spätestens seit dann Anfang der 70er Jahre die Industrie die Kultur der Hippies kommerzialisierte und einige Jahre später mit der Parteigründung der Grünen der Marsch durch die Institutionen begann, kann man die Bewegung wohl als mausetot betrachten.

Allerdings war denjenigen Jugendlichen, die vor 1967 Joints geraucht und lange Haare getragen haben, wahrscheinlich auch nicht wirklich klar, dass sie Teil einer Jugendbewegung sind. Die Jugendbewegung, der ich nun vermute, angehört zu haben, war zu ihren Lebzeiten besonders schwer als solche zu erkennen. Ein Merkmal war nämlich gerade, dass sich ihre Angehörigen ganz besonders wenig bewegt haben - und dafür lieber vor dem PC hockten. Ansonsten haben sie "1984" gelesen, Richard Stallman zugehört und Angst vor dem Überwachungsstaat gehabt, was aber gut auch daran gelegen haben könnte, dass wir so wenig raus kamen.

Auf jeden Fall merke ich gerade, dass ich da offenbar nicht ganz alleine war. Auch andere haben "1984" gelesen, Linux auf ihren Kisten installiert und inzwischen die Piratenpartei gegründet. Die Medien freuen sich natürlich, dass sie mal wieder ein Thema haben, bei dem sie Leute unter 30 zeigen können. Die traten in der Berichterstattung der vergangenen Jahre höchstens mal als Killerspieler oder  Amokläufen in Erscheinung. Nerds mit Piratenhüten sind da schon netter anzusehen.

Wie auch schon bei vergangenen Jugendkulturen hat sich die Werbeindustrie bereits auf die Vorreiter der Bewegung gestürzt: Schon werben Sascha Lobo und "Schnutinger" für Vodafone. Damit kann man die Phase der "Bewegung" dann wohl für beendet erklären - jetzt beginnt die Etablierung im Establishment. Und zwar, ganz zeitgemäß, im Turbo-Modus.

Nicht so schlimm, so toll war's auch nicht. Sex, Drogen und Straßenkrawalle wären irgendwie spannender gewesen.

Es ist ein unter Medienwissenschaftlern weithin bekanntes Phänomen, dass Medien als um so wertvoller angesehen werden, je älter sie sind. Neue Medien stoßen dagegen zunächstauf Ablehnung, dann auf Akzeptanz, später werden sie zum Kulturgut. Die Medienwissenschaftlerin Prof. Keuneke spricht in diesem Zusammenhang von Medienängsten - und das ist meines Erachtens auch genau der richtige Begriff dafür. Angst hat anders als die von ihr zu differenzierende Furcht keinen konkreten Auslöser, sondern ist diffus. Es mag unseren archaischen Wurzeln geschuldet sein, dass sich unter Menschen aller Kulturen Angst vor Neuem und Unbekannten beobachten lässt. All zu viel Aufgeschlossenheit und Neugier konnte in finstereren Zeiten schließlich sehr schnell die Ausmerzung aus dem Genpool bedeuten.

Ob es sich dabei um fremde Kulturen oder neue Medien handelt - was unbekannt ist, wird zunächst von vielen abgelehnt. Das lässt sich auch bei neuen Medien beobachten. Ganz am Anfang war es die Schrift, die auf Ablehnung stieß:

„Denn im Vertrauen auf die Schrift werden sie (die Menschen) ihre Erinnerungen mithilfe geborgter Formen von außen heranholen, nicht von innen aus sich herausziehen; so dass sie sich vielwissend dünken werden, obwohl sie größtenteils unwissend sind, und schwierig im Umgang sein, weil sie scheinweise geworden sind statt weise“

Platon

Dann war es der Roman:

„Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen führt zu Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, namentlich zu Hypochondrie, die (...) namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentümlich auf die Geschlechtsteile wirkt“

(Beyer 1795, zit. nach Kottkamp 2002)

Dann das Kino:

„Die dargestellten Vorgänge (...) verlangen geradezu das Ausschalten jeder Denkkraft (...), so daß sie, öfter genossen, geradezu verdummend (...) auf den Geist wirken müssen“

(Lange 1920 über das Kino).

Alle Zitate jeweils zitiert nach "Prof. Keuneke: Angstmedien - Medienängste". Es folgte die Zeitung, der Rest dürfte den meisten noch in Erinnerung sein: Erst war das Fernsehen des Teufels, dann das Internet, später Killerspiele. Heute gelten Bücher selbstverständlich als wertvoll und Filme als schützenswerte Kulturgüter. Eigentlich schafft es nur das Fernsehen älter zu werden ohne an Ansehen zu gewinnen - das mag in diesem Fall tatsächlich mal an den Inhalten des Mediums liegen. Neu ist also nicht die Medienangst, sondern die Medien, die Angst auf sich ziehen.

DIE ZEIT hat derzeit die Angst vor dem Internet als Thema entdeckt und lässt Autoren angstrieben unerträglichen Unsinn in vollen Kübeln über das neue Medium ausschütten - natürlich nicht ohne Gegenrede.

Das alles wäre meines Erachtens eigentlich keines Kommentares würdig. Für mich, der mit dem Netz sozusagen aufgewachsen ist, ist das Internet nichts weiter als eine Art riesige Kneipe: Es tummelt sich halt das Leben darin. Wem manche Leute nicht gefallen - und das gilt für mich auch für viele Kneipen - der gehe in eine andere Ecke, denn das ist im Internet ohne Probleme möglich.

Ich habe die Debatte also bisher schlicht ignoriert und kann ihr durch den neuesten ZEIT-Kommentar zum Thema dann doch noch einen interessanten Aspekt abgewinnen: "Schluss mit dem Geschnatter" fordert ZEIT-Autor Jens Uehlecke und meint Twitter.

 

 

Der Kommentar ist Ausdruck der wahnsinnigen Beschleunigung der Medienangst-Zyklen. Nicht mehr das Internet ist jetzt der Bösewicht, sondern dessen neuester Hype. Blogs dagegen haben es in der Rezeption dieses Autors schon in den Rang von Qualitätsmedien geschafft:

Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme!

Um Twitter zu verunglimpfen bedient er sich eines bildhaften Vergleichs. Twitter, ätzt er, seien die "Klowände des Internets". Hatten wir das nicht schon mal? Doch richtig: Mit den exkakt selben Worten zog Jean-Remy von Matt noch vor drei Jahren über Blogs her und entschuldigte sich später dafür. Damals läuteten Blogs noch das Ende von allem ein, was wahr, gut und richtig ist. Heute gelten sie als Kulturgut, Twitter als die neue Seuche des Netzes - zumindest für Jens Uehlecke. Der Zyklus der Medienangst hat sich in selbstentlarvender Form beschleunigt.

Wie nach jeder Amoktat wird auch dieses Mal wieder reflexartig ein Verbot von sogenannten "Killerspielen" gefordert, die von Millionen Deutschen, insbesondere männlichen Jugendlichen, gespielt werden. Die selbsternannten Experten beschäftigen sich jedoch in den wenigsten Fällen wissenschaftlich mit den möglichen Auswirkungen solcher Spiele auf die Gewaltbereitschaft.

Dr. Astrid Zipfel (Uni Düsseldorf) beschäftigt sich seit Jahren mit Mediengewalt, auch den besagten "Killerspielen". Sie hat u.a. eine Reihe von Studien und Meta-Studien (Studien über bereits angestellte Studien) ausgewertet. Für RP Online habe ich sie interviewt.  Ich will hier mal die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen:

1. Es gibt offenbar einen, wenn auch geringen, Zusammenhang zwischen violenten Medieninhalten und Gewaltbereitschaft
2. Bei Computerspiele ist dieser Zusammenhang aber nicht größer als bei anderen Medien, z.B. Filmen
3. Auch macht es offenbar keinen Unterschied, ob es sich um einen Ego-Shooter oder ein anderen violentes Spiel handelt
4. Sie spricht sich deutlich gegen ein Verbot aus

Alles zum Nachlesen: Medien-Expertin hält Verbot von Killerspielen für nutzlos

Winnenden

13:27

Eigentlich wollte ich mich zum Amoklauf in Winnenden nicht äußern, doch mein Widerstand bricht schon nach einem Tagen zusammen. Ich will die an dieser Stelle obligatorischen Ausführungen, wie schrecklich und grausam diese Tat war, sparen. (Ich finde es übrigens mindestens genauso schrecklick und grausam, dass jeden Tag Tausende an Hunger und behandelbaren Krankheiten sterben - aber das ist ein anderes, sehr viel weniger mediengerechtes Thema).

Wozu ich etwas schreiben will, ist die Berichterstattung zum Thema: Das Hinterherhecheln nach jedem neuen Informationsfetzen, jedem Detail des Täters, das Senden der belanglosesten Schüler-Statements, die teilweise sogar offensichtlichen Unsinn in die Kamere reden (gestern im Heute-Journal sprach einer davon, der Täter sei wohl deutscher Meister im Tischtennis gewesen). Eine junge Frau, die in Winnenden wohnt und über das Ereignis twitterte wird von Journalisten aus der ganzen Welt belagert, obwohl sie schon früh schreibt: "Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten... ".

Bild.de macht eine Klickstrecke mit Opfern ("Die attraktive Schülerin wurde erschossen" - ich frage mich, wer in einem solchen Umfeld noch Anzeigen schalten will), RTL und Bild.de zeigen "die letzten Sekunden des Amok-Killers" als Video und nennen dabei auch den vollen Namen des Amokschützen, was die ohnehin schwer unter Druck stehende Familie des Täters noch zusätzlich belasten dürfte. Noch weiter geht stern.de und veröffentlicht gleich Fotos des Wohnhauses des Täters - samt vollständiger Adresse.

RP Online geifert auf Twitter der der Pressekonferenz entgegen: "Mal sehen, was es neues über den Täter gibt". In diesen Minuten läuft die PK und die Berliner Morgenpost setzt zu jedem Informationsfitzel eine Eilmeldung auf Twitter ab. Focus Online twitterte vorübergehend sogar unter dem Account "Amoklauf".

Und jetzt? Die Medien wird das  Thema natürlich noch die nächsten Tage und Wochen beschäftigen. Eine Debatte um schärfere Waffengesetze wurde von der Politik schnell abgebügelt. Was eignet sich sonst noch als "Weiterdreh", wie es unter Journalisten heißt? Natürlich: Ein mögliches Killerspieleverbot. Denn der Täter hat, wie so gut wie alle Jungs dieses Alters, offenbar Gewaltspiele gespielt. "Experten" dazu hat man ja schnell bei der Hand.

"Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter-Strike oder Crysis lernen können", sagte der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, Hans-Dieter Schwind, der "Neuen Osnabrücker Zeitung" und sprach sich für ein totales Verbot von Computer-Gewaltspielen sowie eine weitere Verschärfung des Waffenrechts aus.

Quelle: spiegel.de

Man hätte der Fairness halber wenigstens eine Gegenstellungnahme des Präsidenten der Deutschen Stiftung für Schwachsinnsbekämpfung einholen sollen.

Der Täter ist offenbar gemobbt worden - wie fast alle Amokläufer. Eine Klassenkameradin sagte, sogar seine Lehrerin habe ihn gemobbt. Davon ist in den Medien bisher wenig die Rede gewesen. Keinen Artikel habe ich zum Thema Mobbing gelesen, zum Beispiel mit Psychologen, die darüber auflären, wie Mobbing erkannt und bekämpft werden kann. Dafür sehr viel über Waffen, Killerspiele und wieviele Schüsse der Täter nun wann abgegeben hat.

Prof. Klaus Hurrelmann, Psychologe und Jugendforscher an der Hertie School of Governance in Berlin, fordert bei Phoenix größere Zurückhaltung der Medien bei der Berichterstattung über Gewalttaten. Sein Appell wird wohl weitgehend ungehört verhallen.

Gestern sind übrigens 30 Menschen bei einem Bombenanschlag in Bagdad ums Leben gekommen, jeden Tag sterben rund 20 Menschen auf deutschen Autobahnen rund 12 Menschen im Straßenverkehr in Deutschland (Danke an den Hinweis, marko) - das soll die Tat keinesfalls verharmlosen aber in Relation setzen.

Update: Die Zweifel an der angeblichen Internet-Ankündigung des Täters in dem Chatroom krautchan.net, über die ich via Twitter berichtet habe, haben sich übrigens bestätigt: Die Polizei hat entsprechende Aussagen von Baden-Würrtembergs Heribert Rech (CDU) Innenminister dementiert.

Ich habe mir heute das Magazin "Zeitzeugen" gekauft. 3,90 Euro für drei Zeitungen vom Tag der sogenannten Machtergreifung Hitlers, dazu ein sozialdemokratisches Wahlkampfplakat aus der Zeit und ein paar historische Kommentare drumherum.

Die historischen Ausgaben von insgesamt drei Zeitungen vom 31. Januar 1933 wurden nachgedruckt: Die KPD-Zeitung Der Kämpfer, die nationalsozialistische Abendzeitung Der Angriff und die national-konservative Deutsche Allgemeine Zeitung. Interessant fand ich vor allem, wie die Machtübernahme Hitlers aus rechtskonservativer Sicht beurteilt wurde. Im folgenden der Anfang des Artikels aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung:

Die erste Sitzung des Kabinetts Hitler. Die Regierung der Harzburger Front - Hugenberg und Geldte, v. Neurath und Graf Schwerin in der neuen Reichsregierung. Hitler spätetstens am 7. Februar vor dem Reichstag.

Innerhalb von 48 Stunden ist das neue Kabinett gebildet worden, und - Herr Adolf Hitler deutscher Reichskanzler. Die Versöhnung zwischen Hindenburg und Hitler, zwischen Stahlhelm und Nationalsozialisten, zwischen allen Teilen der deutschen Rechtsbewegung liegt vor. Nach unsäglichen Mühen, nach tragischen Verirrungen, nach Zwischenfällen, die alles zu vernichten schienen, ist sie endlich zustandegekommen. Seit Monaten war es klar, daß die Eingliederung der Nationalsozialisten nicht erreicht werden konnte, wenn man den Führungsanspruch Hitlers nicht erfüllte. Hindenburg hat sich schließlich zu dieser Erkenntnis durchgerungen, spät genug, weil seine schweren Bedenken fast nicht zu besiegen waren, aber hoffentlich nicht zu spät.

Das neue Kabinett, das in streng verfassungsmäßiger Weise gebildet wurde, kann bei uns auf eine absolut sachliche und wohlwollende Beurteilung rechnen, und die ganze öffentliche Meinung wird Herrn Hitler die Chance nicht verweigern, auf die er als Führer der großen deutschen Partei Anspruch besitzt. Eine gewagte und kühne Entscheidung ist es in jedem Fall, und kein verantwortungsbewußter Politiker wird zum Jubeln geneigt sein. Immerhin steht hinter diesem Kabinett eine gewaltige Kraft, und es erspart uns den unmittelbaren Ausbruch offener Konflikte. Die Ernennung hervorragender Fachleute für die entscheidend wichtigen wirtschaftlichen Ressorts und für das Auswärtige Amt gibt die Gewähr, daß keine Abenteuer auf diesen Gebeieten bevorstehen. Die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten wird sich voraussichtlich schwierig und aufreibend gestalten, und das vielleicht recht lange dauerende Regierungsexperiment wird manche Erschütterung mit sich bringen. Einmal aber mußte dieser Sprung ins Dunkle gewagt werden, weil das deutsche Volk in den Wahlen die Hitlerbewegung zum bei weitem stärksten Faktor des politischen Lebens gemacht hatte. Einmal mußte diie Folgerung aus dem Sehnen der Nation gezogen werden, daß mit grundsätzlich neuen Methoden und mit dem gemeinsamen Einsatz der Kräfte der Rechten regiert werden solle. So gewinnt der Kabinettswechsel einen tieferen geschichtlichen Sinn. Obwohl in der "DAZ" seit Jahren dieser Versuch mit allen Bedanken, die er hat, empfohlen wurde, können wir uns unmöglich in einen Rausch der Begeisterung versetzen. Aber wir halten die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unter den gegebenenen Umständen für richtig. Der nationalsozialistische Führer wird nun zu zeigen haben, ob er das Zeug zum Staatsmann besitzt.

Unsere Neigung zu rein rückschauender Betrachtung ist gering; die Zukunft, nicht die Vergangenheit ist wichtig. Wer manchen Kanzler und manchen Minister gestürzt hat, ist sicher nicht berechtigt, seinen eigenen Sturz als besonders tragischen Ereignis zu empfinden. [...]

Zum Thema Mikrokredite habe ich ja kürzlich schon etwas geschrieben. In den Kommentaren wurde daraufhin natürlich prompt nachgefragt, wie man sich selbst konkret an diesem Modell der Entwicklungshilfe beteiligen kann. Die einzige Form der Beteiligung, die mir einfiel, war ein Geldmarktfonds, der jedoch beispielsweise eine Mindesteinlage voraussetzt.

Nun bin ich auf eine andere Form der direkten Beteiligung an Mikrokredit-Modellen gestoßen - eine Art Smava für die ärmsten der Armen. Es handelt sich um eine sogenannte Peer-to-Peer-Kreditplattform, das heißt, es werden Kredite von Mensch zu Mensch vermittelt.

Der Name des Portals: Kiva. Benutzer des Portals können Menschen aus der Dritten Welt mit einer Geschäftsidee und Kapitalbedarf direkt helfen, indem sie ihnen Geld leihen.

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