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I have the theory that news are now driven not by editors who know anything, I think it's driven by people who are fucking off at work, who are surfing the internet. And people at the Fox Website know: If they put a headline like 'Child directs traffic at JFK' - that's what's gonne get the poeple to click on their website. It's terrible. It's like the country is run by 'America's funniest home videos'.

Bill Maher in der Sendung Real Time with Bill Maher

Oder um es mit Steve Jobs zu sagen:

When you're young, you look at television and think, there's a conspiracy. The networks have conspired to dumb us down. But when you get a little older, you realize that's not true. The networks are in business to give people exactly what they want. That's a far more depressing thought. Conspiracy is optimistic! You can shoot the bastards! We can have a revolution! But the networks are really in business to give people what they want. It's the truth.

10 Jahre alt wurde die Financial Times Deutschland (FTD) gestern. Ex-Handelsblatt-Reporter Thomas Knüwer erinnert sich in seinem Blog an den Start der Wirtschaftstageszeitung der etwas anderen Art - und auch an deren Aufmacher vor 10 Jahren: Die angebliche Aufspaltung von Siemens, die sich als Quasi-Ente entpuppte. Das kratzte am Image des neuen Wirtschaftsblatts, das bis heute der Ruf eines frisch-frechen aber leider häufig zum Übergeigen neigenden Mediums anhängt - zu Unrecht. Die meisten sich später als falsch entpuppenden Exklusiv-Meldungen kommen gefühlt längst von Focus und Wirtschaftswoche.

Ich weiß noch genau als ich meine erste FTD-Ausgabe in den Händen hielt: Ich war gerade auf der Expo 2000 in Hannover und im Bertelsmann-Pavillon wurde die magazinig daherkommende Tageszeitung kostenlos verteilt. Damals war ich 17 - und wie man mit 17 so ist - politisch ziemlich weit links und wenig an einer Wirtschaftstageszeitung interessiert.

Dennoch fand ich den unkonventionellen Blick, den die FTD nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf wirtschaftliche Zusammenhänge nahm, damals sehr erfrischend. Es erinnerte mich etwas an das noch progressivere Wirtschafts-Format brandeins, das ich damals bereits mit großem Genuss las (und das für mich damals immer ein guter Grund war, zum HNO-Arzt zu gehen).

Die FTD startete ausgerechnet zu einer Zeit, als die Medienwelt erstmals die Umwälzung des Internets für die eigene Branche diskutierte - und die FTD reagierte darauf genau so, wie es meiner Meinung nach richtig ist: Weniger reine tagesaktuelle Nachrichten, mehr Hintergründe, Analysen, Meinungen. Die Agenda-Seite der FTD gehört für mich bis heute zu den interessantesten Beiträgen in deutschen Tageszeitungen. Und während das Handelsblatt mit Michael Hüther immer noch einen akademischen Dinosaurier die ökonomische Weltlage erklären darf, haben bei der FTD mit Chefökonom Thomas Fricke und Autoren wie Lucas Zeise längst aufgeklärte Neokeynsianer das Sagen - ganz im Zeichen der Zeit - und zwar schon bevor die Finanzkrise das alte ordo- und neoliberale Denken diskreditierte.

Bei der harten Auflage hinkt die FTD dem Handelsblatt nach wie vor hinterher - und Gewinn hat sie auch noch keinen gemacht. Dabei muss aber beachtet werden, dass die Leserschaft des Handelsblatts einen andere ist. Wie es Thomas Knüwer ausdrückt ist sie vor allem an "Stahl, Schrott, Schrauben und Autos" interessiert - und damit tendenziell eher Print treu. In der FTD sind "moderne Branchen" dagegen deutlich stärker repräsentiert, die Zielgruppe jünger und internetaffiner. In den Zeiten der Zeitungskrise wurde außerdem die Redaktion mit der von Capital zusammengelegt - doch zum Glück um die Redaktion der FTD herum und nicht umgekehrt. Für Gruner+Jahr ist die FTD qualitativ längst zu dem im Jahr 2000 ersehnten Aushängeschild geworden. 

Mit dem vergangenen Relaunch geht auch das Handelsblatt vorsichtig in den von der FTD bereits 2000 eingeschlagenen Weg zu mehr Meinung, Hintergrund und Analyse. Und mit Olaf Storbeck und Norbert Häring kämpfen die zwei Ökonomieautoren gegen das ordnungspolitische 50er-Jahre-Dogma an, das der Ex-Kommunist und bald Ex-Chefredakteur Bernd Ziesemer entgegen aller jüngeren Forschungsergebnisse der Ökonomie bis zuletzt ungebrochen vertrat. So haben sich beide Blätter angenähert - die FTD ist seriöser, das Handelsblatt in Teilen unkonventioneller geworden - und dennoch haben beide ihren Platz in der Branche gefunden. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Ey guck mal: Ich verkauf Autos, ne. Und so'n Typ hier, der bringt mir jeden Tag 20 Kunden inne Bude. Er will dafür auch keine Kohle haben.

Dachte erst toll. Doch dann habe ich rausgefunden, der blöde Typ bringt auch noch Hunderttausende andere Leute zu Hunderttausenden anderen Plätzen - und hat es irgendwie geschafft, damit Millionen zu machen! Ich mache mit den 20 Kunden hier jeden Tag nur ein paar Hundertausend. Und deshalb klag isch jetzt gegen den Typen, denn ich will die Hälfte davon abhaben!

Unrealistisch? Nicht in Deutschland:

Hans-Joachim Fuhrmann, a spokesman for the German Newspaper Publishers Association, said the Web sites of all German newspapers and magazines together made 100 million euros, or $143 million, in ad revenue, while Google generated 1.2 billion euros from search advertising in Germany. 

"Google says it brings us traffic, but the problem is that Google earns billions, and we earn nothing," Mr. Fuhrmann said.

Quelle: nytimes.com

Ein ganz nettes Video zum Thema im "Sendung mit der Maus"-Stil für Jugendliche gibt es übrigens bei Trendpiraten.tv:

Trendpiraten - Episode 03 from Trendpiraten on Vimeo.

 

Mit dem 8. Februar 1996 verbinden die meisten Menschen überhaupt nichts. Für eine Bewegung, die derzeit Oberwasser hat, war das jedoch ein besonderer Tag. Die Unabhängigkeitserklärung des Internets, vorgetragen von dem Netz-Aktivisten (und Mitglied der legendären Band Grateful Dead) John Perry Barlow auf der Tagung des Davoser Weltwirtschaftsforum.

Manch einer meint, heute war wieder so ein Tag, der im Nachhinein zumindest von einigen symbolträchtig aufgeladen werden könnte: Der 7. September als Datum, an dem das deutsche Internet-Manifest veröffentlicht wurde. Darin enthalten sind 17 Behauptungen zum Journalismus im Digitalzeitalter - und zwar von den bekannten netzaffinen Vordenkern - teilweise selbst der journalistischen Zunft entspringend.

Also die üblichen Verdächtigen: Thomas Knüwer, Sascha Lobo, Stefan Niggemeier, Markus Beckedahl usw. Der WDR orakelt jedenfalls auf seiner Internetseite von der möglichen historischen Bedeutung. Selbst der viel beachtete US-Medienprofessor Jeff Jarvis, der mit dem Buch "What would Google do?" derzeit voll im Trend liegt, erwähnte sämtliche Thesen des Manifests auf Twitter und verweist unter anderem auf finnische und italienische Übersetzungen.

So gut es auch tut neben dem ganzen Unsinn, den Journalistenvertreter und Verlage den lieben langen Tag über das Internet erzählen ("Hamburger Erklärung" etc.), mal ein paar sinnvolle Sätze zum Thema zu lesen - revolutionär ist dieses Manifest trotz des Namens ganz sicher nicht. In meinen Augen sind ein Großteil der Thesen sogar völlige Selbstverständlichkeiten.

Das Internet ist toll, es bietet mehr Informationen als je zuvor, es ermöglicht den Dialog, es dient als Archiv der Zeitgeschichte - vielen Begrenztheiten des alten Mediums Papier kann sich der Journalismus so entledigen. Er hat Platz, er kann Inhalte verändern und transparent korrigieren - und jeder Leser hat Zugang zur Zeitgeschichte per Mausklick. Das alles ist toll, einverstanden.

Doch der Online-Journalismus hat auch ein Problem: Er ist derzeit ganz überwiegend einfach nicht rentabel. Die Lösung, die uns die Autoren des Manifests anbieten, ist wieder einmal Qualität. Denn, so schreiben sie, "Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet". So gerne ich auch an diesem Punkt zustimmen würde - aber da bin ich einfach Pessimist. 

Politiker verwenden gerne die Phrase "Ich halte die Wähler für klug genug ...". Das mag Wunschdenken entspringen, wenn man freundlich ist - oder der Versuch sich einzuschleimen, wenn man realistisch ist. Fakt jedenfalls ist: Bild.de ist gerade im Begriff Spiegel Online bei den Visits zu überholen. Mit der zunehmenden Verbreitung des Internets sinkt auch der Bildungsgrad der Nutzer.

So lange Online-Journalismus allein von Werbung abhängig ist, wird sich die billig produzierte Massenware a la Bild.de gegenüber aufwendigen Recherchen und qualitativ hochwertigen Reportagen in einem marktwirtschaftlich funktionierendem System durchsetzen. Für eine derartig große Anzahl an qualitativ höherwertigen Angeboten, wie wir sie während des Print-Zeitalters erlebten, bleibt da meines Erachtens nach derzeitigem Stand kein Platz. Außer natürlich für Nischenangebote, die entweder exklusive für die Nutzer wertvolle Informationen bieten, für die die sie zu zahlen bereit sind ("Wall Street Journal") - oder die durch die spezielle Ansprache der Zielgruppe deutliche höhere Werbepreise bei Werbekunden erzielen.

Es ist richtig, dass das Internet die Informations-Oligople auflöst und damit auch die Werbe-Oligpole der Verlage. Wer vor 20 Jahren eine breite Zielgruppe erreichen wollte, musst in der Zeitung oder im Fernsehen werben. Wer mit einer Kleinanzeige lokale Aufmerksamkeit erreichen wollte, musste sich an die lokale Zeitung wenden.

Heute haben sich diese großen Kanäle in viele viele kleine zersplittert. Nicht nur die klassischen Medien leider darunter - auch die die werbenden Unternehmen reagieren teilweise putzig bis hilflos auf die Konsequenzen der Zersplitterung der Aufmerksamkeit.

Das alles ändert nichts daran, dass die Versuche der Verlage, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, Google oder die "Gratis-Kultur" im Internet zu verteufeln, genau nirgendwo hinführen. Insofern stimme ich den Verfassern des Manifests vollkommen zu. Nur den Stein der Weisen sehe ich in dem Manifest nicht. Es ist keine Idee darin enthalten, wie sich Qualitätsjournalismus innerhalb einer Gratis-Internetkultur finanzieren lässt. Qualitätskriterien, das Ausnutzen der Möglichkeiten des Mediums und die Kommunikation mit den Nutzern mögen den Online-Journalismus weiter verbessern - ihn zu finanzieren, dazu reichen diese Vorschläge meines Erachtens nicht aus.

Sehr schön übrigens auch die Antwort von tagseoblog.de: Das Internet-Moneyfest.

Ja, ich tu es. Ich kaufe mir in letzter Zeit hin und wieder eine Zeitung - und zwar eine Tageszeitung. Aus Papier und so, das wofür Bäume sterben müssen. Dabei habe ich Tageszeitungen lange verschmäht. Warum sollte ich mir für aktuelle Nachrichten gedrucktes Papier kaufen, auf dem ich lesen kann, was gestern passiert ist?

Als ich 2008 beim Vorstellungsgespräch der DJS in München gefragt wurde, ob Blogs eine Konkurrenz zur Zeitung sind, antwortete ich: Blogs sicher nicht - aber die Internet-Nachrichtenportale schon. Warum sollte jemand, der nicht mit der gedruckten Zeitung aufgewachsen ist, für etwas bezahlen, was er im Internet auch umsonst bekommt - und zwar deutlich aktueller? Ich war sicher: Die Generation derjenigen, die mit dem Zeitungslesen ein bestimmtes Ritual verknüpfen, sterben langsam aus und nur wenige kommen nach. Der Trend zur Zeitung geht in jüngeren Alterskorhorten deutlich zurück, zeigen zahlreiche Studien.

Warum greife ich nun doch wieder zum Gedruckten? Auch, weil ich ich gerne Zeitungspapier anfasse oder ich es einfach gemütlicher finde, eine echte Zeitung zu lesen. Auch, weil ich mich mit einer Zeitung ins Cafe setzen kann. Aber vor allem, weil Online-Journalismus noch immer nicht das bietet, was Print-Journalisten leisten.

Online wird kaum mehr unterschieden zwischen wichtig und unwichtig. Es wird nicht mehr zusammengeschrieben und struktruriert aufbereitet, dafür gibt es immer wieder neue Informationshäppchen, die die Agenturen frei Haus liefern. Ein Text wird in der Regel besser, nicht schlechter, wenn man ein Platzprobleme hat. Weil man sich auf das Wesentliche konzentriert, weil man den Text besser strukturiert. All das wird Online vernachlässigt. Eine knackige Zeile und die Klicks kommen schon rein. Der eigentliche Text tritt in den Hintergrund. Beim Lesen macht diese Kurzfristorientierung aber keinen Spaß.

Die möglichen Vorteile, die Online-Journalismus bietet, werden dagegen noch wenig genutzt: Interaktive Grafiken, die Zusammenhänge anschaulich erklären, zum Beispiel. Die Verlinkung eines Kommentars zum Thema. Querverlinkungen auf andere im Text angesprochene Nachrichten oder die Verlinkung von Originalquellen, wenn sich Texte beispielsweise auf Studien beziehen (vorbildlich hier: die Ökonomie-Sektion auf Handelsblatt.com). Auch die Verlinkung eventuell erklärungsbedürftiger Begriffe auf kurze zeitlose Erläuterungstexte ist denkbar.

Natürlich ist es nicht schwer, einen Artikel kurzfristig in die Klick-Himmel zu katapultieren. Wichtig ist dafür nur die Zeile. Doch bindet man so langfristig Leser? Die langfristige Perspektive gerät beim Starren auf aktuelle Klickzahlen völlig in den Hintergrund. Jedes Online-Medium kann sich als Durchlauferhitzer für Agentur-Informationshäppchen betätigen und mit jeder Aktualisierung von Artikeln wieder mächtig Klicks bei Google News abstauben. Aber dem Leser ist damit nicht gedient.

Denn mit den durchlaufenden Informationshappen können viele Leser erstmal gar nicht so viel anfangen, weil sie sich anders als Journalisten, nicht den halben Tag mit Nachrichten beschäftigen. Auch Online muss meiner Meinung nach daher wieder viel mehr wert darauf gelegt werden, Nachrichten auch einzuordnen, zu erklären, in den Zusammenhang zu setzen - und vor allem: Wichtiges von Unwichtigem trennen. Mercedes Bunz, Online-Chefredakteurin von Tagesspiegel.de, sagte auf dem Global Media Forum der Deutschen Welle kürzlich zum Thema Bezahlinhalte: "Die Leute wären eher bereit dafür zu bezahlen, weniger Informationen zu bekommen". Was als scherzhafte Absage an Paid Content gemeint war, könnte meines Erachtens durchaus funktionieren.

Auch ich war vor kurzem noch sicher: Wer die Leute zahlen lässt, verliert, weil sie auf Gratis-Angebote ausweichen. Doch nun ertappe ich mich selbst dabei, wie ich für etwas bezahle, was ich auch umsonst bekäme, weil ich online die Qualität vermissem, weil mich nicht jedes Detail interessiert, sondern eine Einordnung und Aufbereitung der wichtigsten Informationen.

Denn natürlich ist Qualität auch eine Kostenfrage. Online-Redaktionen sind dünn besetzt. Für mehr als eine reine Redakteurstätigkeit ist da meist keine Zeit. Das viel gelobte Internet-Angebot des Guardian beispielsweise,  ist hochdefizitär. Und so lange die Währung Klicks heißt, wird guter Journalismus online nicht derart honoriert wie im Print.

Auch hier hätte Online-Journalismus einen Vorteil: Er wäre deutlich günstiger. Denn ein Großteil der Kosten wie Druck und Verteilung der Zeitung fällt weg. Außerdem müsste ich nicht wie im Falle der Tageszeitung jeden Artikel bezahlen, sondern nur die, die mich interessieren. Nur der Preis müsste stimmen. Wenige Cent wären wohl die meisten Leute bereit, für einen qualitativ hochwertigen Artikel zu bezahlen. Fragt sich nur, wie sich das bequem realisieren lässt. Ich hoffe, dass sich möglichst ein Online-Micropayment-System in Deutschland etabliert. Denn mal ehrlich: Ein Text für den Preis eines Gummibärchens - so viel sollte guter Journalismus uns doch wert sein?

Zum Weiterlesen: Ein Text für den Preis einer Kippe

Es ist ein unter Medienwissenschaftlern weithin bekanntes Phänomen, dass Medien als um so wertvoller angesehen werden, je älter sie sind. Neue Medien stoßen dagegen zunächstauf Ablehnung, dann auf Akzeptanz, später werden sie zum Kulturgut. Die Medienwissenschaftlerin Prof. Keuneke spricht in diesem Zusammenhang von Medienängsten - und das ist meines Erachtens auch genau der richtige Begriff dafür. Angst hat anders als die von ihr zu differenzierende Furcht keinen konkreten Auslöser, sondern ist diffus. Es mag unseren archaischen Wurzeln geschuldet sein, dass sich unter Menschen aller Kulturen Angst vor Neuem und Unbekannten beobachten lässt. All zu viel Aufgeschlossenheit und Neugier konnte in finstereren Zeiten schließlich sehr schnell die Ausmerzung aus dem Genpool bedeuten.

Ob es sich dabei um fremde Kulturen oder neue Medien handelt - was unbekannt ist, wird zunächst von vielen abgelehnt. Das lässt sich auch bei neuen Medien beobachten. Ganz am Anfang war es die Schrift, die auf Ablehnung stieß:

„Denn im Vertrauen auf die Schrift werden sie (die Menschen) ihre Erinnerungen mithilfe geborgter Formen von außen heranholen, nicht von innen aus sich herausziehen; so dass sie sich vielwissend dünken werden, obwohl sie größtenteils unwissend sind, und schwierig im Umgang sein, weil sie scheinweise geworden sind statt weise“

Platon

Dann war es der Roman:

„Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen führt zu Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, namentlich zu Hypochondrie, die (...) namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentümlich auf die Geschlechtsteile wirkt“

(Beyer 1795, zit. nach Kottkamp 2002)

Dann das Kino:

„Die dargestellten Vorgänge (...) verlangen geradezu das Ausschalten jeder Denkkraft (...), so daß sie, öfter genossen, geradezu verdummend (...) auf den Geist wirken müssen“

(Lange 1920 über das Kino).

Alle Zitate jeweils zitiert nach "Prof. Keuneke: Angstmedien - Medienängste". Es folgte die Zeitung, der Rest dürfte den meisten noch in Erinnerung sein: Erst war das Fernsehen des Teufels, dann das Internet, später Killerspiele. Heute gelten Bücher selbstverständlich als wertvoll und Filme als schützenswerte Kulturgüter. Eigentlich schafft es nur das Fernsehen älter zu werden ohne an Ansehen zu gewinnen - das mag in diesem Fall tatsächlich mal an den Inhalten des Mediums liegen. Neu ist also nicht die Medienangst, sondern die Medien, die Angst auf sich ziehen.

DIE ZEIT hat derzeit die Angst vor dem Internet als Thema entdeckt und lässt Autoren angstrieben unerträglichen Unsinn in vollen Kübeln über das neue Medium ausschütten - natürlich nicht ohne Gegenrede.

Das alles wäre meines Erachtens eigentlich keines Kommentares würdig. Für mich, der mit dem Netz sozusagen aufgewachsen ist, ist das Internet nichts weiter als eine Art riesige Kneipe: Es tummelt sich halt das Leben darin. Wem manche Leute nicht gefallen - und das gilt für mich auch für viele Kneipen - der gehe in eine andere Ecke, denn das ist im Internet ohne Probleme möglich.

Ich habe die Debatte also bisher schlicht ignoriert und kann ihr durch den neuesten ZEIT-Kommentar zum Thema dann doch noch einen interessanten Aspekt abgewinnen: "Schluss mit dem Geschnatter" fordert ZEIT-Autor Jens Uehlecke und meint Twitter.

 

 

Der Kommentar ist Ausdruck der wahnsinnigen Beschleunigung der Medienangst-Zyklen. Nicht mehr das Internet ist jetzt der Bösewicht, sondern dessen neuester Hype. Blogs dagegen haben es in der Rezeption dieses Autors schon in den Rang von Qualitätsmedien geschafft:

Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme!

Um Twitter zu verunglimpfen bedient er sich eines bildhaften Vergleichs. Twitter, ätzt er, seien die "Klowände des Internets". Hatten wir das nicht schon mal? Doch richtig: Mit den exkakt selben Worten zog Jean-Remy von Matt noch vor drei Jahren über Blogs her und entschuldigte sich später dafür. Damals läuteten Blogs noch das Ende von allem ein, was wahr, gut und richtig ist. Heute gelten sie als Kulturgut, Twitter als die neue Seuche des Netzes - zumindest für Jens Uehlecke. Der Zyklus der Medienangst hat sich in selbstentlarvender Form beschleunigt.

Gestern war ein nachrichtenarmer Tag - und so kommt das neue Meedia-Tool, mit dem man sich die Seite 1 vieler Tageszeitungen ansehen kann wie gerufen für einen Schlagzeilen-Check. Als besonders kurios fallen die Die Welt un die Berliner Zeitung auf.

Meedia.de hat einen wirklich großartigen neuen Service: Die Zeitungen von heute. Zu sehen ist jeweils die erste Seite vieler wichtiger Tageszeitungen in Deutschland (meines Erachtens fehlen auf jeden Fall die Taz und die Frankfurter Rundschau) sowie einiger englischsprachiger Titel.

Für einen Journalisten ist es hochspannend, mit welchen Themen die Blätter jeweils aufgemacht haben, zumindest an manchen Tagen - und zwar an denen, wenn gerade nichts passiert, das so spannend ist, dass es sich für die Seite 1 wirklich gut eignet. So ein Tag war gestern. Die WHO erhöhte die Pandemie-Warnstufe erst um 22 Uhr von vier auf die zweithöchste Stufe fünf - keine Zeit, um daraus noch einen Aufmacher zu basteln. Und so gab es heute einen bunten Seite-1-Blätterwald.

Für die SZ waren die Arbeitslosenzahlen die wichtigste Nachricht des Tages, der FAZ waren die Rentner wichtig*, der Tagesspiegel thematisierte den Taliban-Angriff auf die Bundeswehr und für Bild, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt und Rhenische Post war die Schweinegrippe das bestimmende Thema, auch wenn es bis 22 Uhr nichts wirklich Neues dazu zu berichten gab.

Zwei Zeitungen aber tanzen völlig aus der Reihe und entschieden sich für in meinen Augen geradezu kuriosen Aufmacher-Themen: Springers konservatives Qualitätsaushängeschild "Die Welt" vermeldete als größte Nachricht auf Seite 1, dass die Linke laut einer Forsa-Umfrage wieder in den einstelligen Bereich gerutscht ist. Am politischen Gegner arbeitet man sich dort offenbar immer noch am liebsten ab. Noch getoppt wird das allerdings von der Berliner Zeitung. Deren Seite-1-Schlagzeile: "Lafontaine will die SPD schlucken".

Für weitere nachrichtenarme Tage hätte ich noch so einige Seite-1-Schlagzeilen der Berliner Zeitung anzubieten. Ich schlage vor: "Ban Ki Moon will Weltfrieden","Holger Göpfert will Claudia Schiffer heiraten" und "Die meisten Deutschen wären gerne Millionär".

*heute übrigens unbedingt die FAZ kaufen: Thomas Strobl hat darin einen Gastbeitrag zur Zukunft des Kapitalismus verfasst. Es ist der Auftakt zu einer gleichnamigen FAZ-Serie.

Vorneweg: Ich schätze Spiegel Online. Wenn es um aktuelle newstickerartige Informationen geht, kenne ich keine bessere deutschsprachige Seite. Heute aber hat sich der Online-Auftritt des Spiegels etwas geleistet, was mich ratlos und entgeistert zurücklässt.

Versetzen wir uns für einen Moment in die Rolle eine Spiegel-Online-Journalisten. Da läuft den Tag über so einiges an Themen ein über die Agenturen. Vieles davon beschäftigt sich natürlich nach wie vor mit dem Amoklauf von Winnenden. Nur wurde dazu schon so ziemlich alles, was man an journalistisch relevanten Informationen schreiben konnte, längst geschrieben - und leider noch viel mehr. Trotzdem, das Thema wird geklickt. Also soll ein neuer "Dreh" her.

Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum so viele Medien überhaupt die Tatsache erwähnten, dass auf dem Rechner des Täters auch 200 Pornobilder gefunden wurden. Was soll mir das sagen? Dass ein derart unterdurschnittlicher Porno-Konsum gefährlich ist?

Der Redakteur jedenfalls scheint das selbst heute noch interessant zu finden, wo ich das doch schon gestern und vorgestern und vorvorgestern überall lesen musste. Nur einen ganzen Artikel lässt sich mit dieser Tatsache textlich natürlich nicht füllen. Also versucht man die Verbindung zu einem anderen aktuellen Thema. Und das liest sich dann so:

Nach Erkenntnissen der Ermittler habe er am Vorabend des Massakers um 19.30 Uhr das Spiel gestartet und um 21.40 Uhr seinen Computer abgeschaltet. In dem Spiel geht es darum, in einem fiktiven Land einen Waffenhändler auszuschalten. Auch die Killerspiele "Counter-Strike" und "Tactical Ops" - auch dies [sic!] Spiel hat keine Jugendfreigabe - wurden nach Informationen des SPIEGEL auf dem Rechner gefunden, ebenso Pornobilder, Fotos gefesselter, nackter Frauen.

Zypries sieht Von-der-Leyen-Vorstoß skeptisch

Um den Zugang zu kinderpornografischen Internet-Seiten zu erschweren, plant Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) Sperrvereinbarungen zwischen Internet-Providern und dem Bundeskriminalamt.

Quelle: Spiegel.de

Mal abgesehen von der unkritischen Verwendung des Kampfbegriffs "Killerspiel", dem grauenhaften Bandwurmsatz und dem Rechtschreibfehler: Nein, ich habe den Artikel an dieser Stelle nicht gekürzt. Das steht da so. Von harmlosen Bondage-Bildern gehts gleich straight Richtung Kinderpornographie. Laut Fefes Blog stand dort ursprünlich sogar:

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) plant deshalb [Hervorhebung von mir], den Zugang zu kinderpornografischen Internet-Seiten durch Sperrvereinbarungen zwischen Internet-Providern und dem Bundeskriminalamt zu erschweren.

Man hätte an der Stelle auch schreiben können:

Bundeswirtschaftsminister Theodor zu Guttenberg (CSU) plant deshalb, die Abwrackprämie zu verlängern und erhofft sich dadurch weitere konjunkturelle Impulse.

Das hätte in etwa ähnlich viel mit dem Einstieg des Artikels zu tun gehabt.

Meedia schreibt diese Woche von der  Krise der Mitmach-Nachrichtensites. In den USA gibt es eine recht erfolgreiche Website, auf der die Benutzer durch einen Klick eine Nachricht als lesenswert empfehlen können: Digg.com. Das Konzept haben wir auch bei blogage.de mit unserem Empfehlungssystem umgesetzt.

So bekannt Digg.com in den USA ist - hierzulande kennt die Website kaum jemand, ebensowenig wie die deutschen Alternativen wie Yigg.de, Webnews, Zoomer und Shortnews - auch wenn Yigg.de immerhin in der deutschen Blogosphäre für reichlich Gesprächsstoff sorgt und sich einer aktiven Community erfreut. Holtzbrincks extrem kostenaufwendiges Zoomer-Experiment wird eingestellt - und auch den anderen Social Newssites gelang der Durchbruch in Deutschland bisher nicht.

Meedia folgert:

All diese Zahlen und Entwicklungen lassen letztlich nur einen Schluss zu: Auch im Internet will eine gigantische Mehrheit von Nutzern auf News-Websites nicht mitbestimmen, sonder überlässt die Relevanz-Einordnung lieber den Journalisten.

Ist das wirklich so?

Fakt ist: Die Benutzer bestimmen auch auf herkömliche Newsseiten die Priorisierung der Artikel mit. Nach oben kommt nämlich auch das, was die Nutzer besonders häufig klicken - ganz ohne, dass die das merken. Doch welchen Vorteil hat dann ein nutzerbasiertes Empfehlungssystem? Warum ist Digg.com in den USA fast ein Massenmedium?

Nutzerbasierte Empfehlungen bieten einer News-Community immer dann einen Mehrwert, wenn diese gemeinsame Interessen teilt. In den USA sind auch deshalb so viele Web-2.0-Projekte erfolgreich, weil die Menge an potentiellen Kunden so groß ist. De facto ist Digg.com auch in den USA kein Massenmedium, sondern eine Newsemfehlungs-Seite mit einem bestimmten abgegrenzten Publikum: Nämlich Nerds, die sich insbesondere für technische Themen interessieren. Für sie lohnt sich ein Besuch, weil sie dort die besten Nachrichten zu typischen Nerd-Themen wie Linux und Gadgets finden.

Mit Yigg.de funktioniert das im Grunde auch in Deutschland: Auch dort dominieren klar Geek-Themen die Seite und für diese Nutzergruppe bietet Yigg.de gegenüber herkömlichen Nachrichtenseiten einen klaren Mehrwert. Nur reicht die Zahl deutschsprachiger Geeks nicht aus, um für Traffic im wirklich großen Maßstab auf der Seite zu sorgen. Das Dilemma: Sollte die Community über den Geek-Bereich hinauswachsen, verliert die Seite ihren Mehrwert für die Nerd-Community. Sollte Yigg.de wirklich zum Massenmedium werden, würde die News-Priorisierung eine Art zweites Spiegel Online werden - Mainstream eben - und dann bleibt man doch lieber gleich beim Original.

Doch muss Yigg.de zum Massenmedium werden? Will man auf das herkömliche Monetarisierungsmodell Werbung setzen, wohl schon. Doch laut Yigg.de-Geschäftsführer Michael Reuter aka KMR bastelt man schon an einem alternativen Erlösmodell. Darauf bin ich sehr gespannt. Ich kenne jedenfalls kein Erlösmodell für das Web 2.0 außer Werbung, das wirklich funktioniert.  Yigg.de-Gründer phantom bloggt übrigens bei uns.

Fake!

15:47

Eines der am häufigsten im Internet geschriebenen Worte dürfte "Fake" sein, meist mit Ausrufezeichen dahinter. Egal ob als Kommentar unter Youtube-Videos oder unter Bildern im Netz: Der Ausruf "Fake!" ist unter netzaffinen Jugendlichen zum Ausdruck der allgemeinen Skepsis gegenüber allem, was im Internet gezeigt und behauptet wird, geworden.

Das Internet hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Kultur im Umgang mit Informationen eine andere geworden ist. Die Geschichte bekannter Internet-Hoaxes ist lang.

Nun muss ein weiteres Stück Netzkultur als Fake gelten: Die berühmten Where the hell is Matt-Videos. In einem Video gibt Matt zu, alles sei von einer viralen Markteing-Agentur inszeniert worden. Der Fall erinnert an Loneygirl15.

Wer das Video bis zum Ende gesehen hat, merkt natürlich: Die Aufdeckung des Hoaxes ist selbst ein Hoax. Die virale Marketing-Agentur ist erfunden, die Grafik Unsinn - die Videos sind echt.

Dennoch wurde die angebliche Aufdeckung nicht nur von Blogs, sondern auch von der Presse teilweise übernommen. Selbst Spiegel Online und der MDR sind schon auf Pressemeldung einer völlig frei erfundendener Juristenvereinigung reingefallen. Wenn uns das Internet also eins gelehrt hat, dann das: Skepsis ist überall angebracht.

Ich habe das Gefühl, dass dies im Journalismus eine Trendwende verursacht hat: Erzählten uns die Medien gestern mit dem Habitus eines Pfarrers von der Kanzel, was wahr und was falsch ist, meine ich inzwischen immer häufiger eine neue Kultur der Bescheidenheit festzustellen.

Eines der mutigsten Dinge, die Journalisten und Politiker tun können, ist zuzugebenen, etwas nicht zu wissen. Wenn es widersprüchliche Angaben von unterschiedlichen Quellen gibt, ist die wertvollste Dienstleistung für den meiner Meinung nach nicht, die wahrscheinlichste Darstellung herauszusuchen und als einzig gültige darzustellen, sondern die Widersprüche aufzuzeigen und eventuell zu bewerten.

CNN, einer der bekanntesten und renommiersten Nachrichtensender der Welt, geht mit guten Beispiel voran. Westliche Medien sind im aktuellen Konflikt zwischen der Hamas und Israel allgemein der israelischen Darstellung gefolgt, nach der die Hamas mit Raketensbeschuss aus dem Gaza-Streifen das Waffenstillstandsabkommen gebrochen habe. Die Gegenposition der Hamas, nachdem Israel bereits im November die Waffenruhe beendet habe, fand kaum Gehör - auch nicht bei CNN.

Mit nur geringem Recherechaufwand aber hätte jedes Medium herausfinden können, dass die Darstellung der israelischen Seite falsch ist:

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