Offener Brief Polemik an einen Pop-Philosophen
um Sie ist es etwas still geworden. Seit Ihren Aufsehen erregenden "Regeln für den Menschenpark" mag sich niemand so recht für Sie interessieren, dessen intellektuelle Autorität sich vor allem aus drei Quellen speist: Ihre wilde Frisur, ihre behäbige Art zu reden und Ihre pseudoelitäre, durch und durch verkomplizierende Sprache, hinter der Sie für gewöhnlich die mangelnde Substanz Ihrer Gedanken zu verstecken versuchen.
Für Ihr mediales Comeback versuchen Sie sich natürlich erneut mit einem Thema ins Gespräch zu bringen, das gerade im Trend liegt. Ganz klar, ein Buch über die Krise muss her. Ihr Werk "Du mußt dein Leben ändern" habe ich nicht gelesen. Wohl aber das, womit sie dieses Buch nun offenbar bewerben wollen, Ihren jüngsten Beitrag in der FAZ: "Die Revolution der gebenden Hand".
Als ich die Ankündigung auf FAZ.Net las, schwante mir schon Böses: Eine "Abrechnung mit der Kapitalismuskritik" wurde dort versprochen und Ihr Artikel in einem Atemzug mit Arnulf Barings Pamphlet "Bürger auf die Barrikaden" genannt. Haben Sie das wirklich verdient? Nach der Lektüre des Textes muss ich aber leider feststellen: haben Sie!
Zunächst einmal: Warum suchen Sie sich für ein Comeback ausgerechnet das Thema Wirtschaft und Ökonomie aus, von der Sie offenbar noch weniger wissen als von Gentechnologie? Ich ahne es schon: Als trendiger Pop-Philosoph hat man natürlich das Problem, dass man sich die derzeit brennenden Themen, zu denen man etwas sagen muss, nicht aussuchen kann.
Kommen wir also zum Inhaltlichen. Mit den ersten Hälfte des Artikels muss man sich eigentlich nicht großartig auseinandersetzen. Schließlich beschreiben Sie dort zunächst nur in aller Ausführlichkeit das, was Sie eigentlich kritisierten wollen: Den linken Eigentumsbegriff und seine Historie. Für geschichtlich wenig gebildete Leser sicher nicht uninteressant.
Auf der ersten Seite der FAZ wurde Ihr Artikel so angepriesen: "Peter Sloterdijk zeigt, wo die Linken irren, und fordert eine Neuordnung des Steuerstaats". Die Neuordnung des Steuerstaats, soviel schon einmal vorneweg, sollten Sie lieber Leuten überlassen, die zumindest über rudimentäre Kenntnisse in den Bereichen Ökonomie und Verfassungsrecht verfügen. Aber eine Kritik linker Ökonomievorstellungen – was gäbe dieses Thema nicht alles her! Von der Verkürzung des Gerechtigkeitsbegriffs auf Verteilungsfragen, über die Frage inwiefern sich gesellschaftliche Freiheit von der wirtschaftlichen abkoppen kann, bishin zum völligen Ausblenden des Wertschöpfungsaspekts in einer Wirtschaftsordnung, dem viele Linke fröhnen.
Sie hingegen wollen sich offenbar auf den linken Eigentumsbegriff konzentrieren, schließlich haben Sie gut die Hälfte ihrer großzügig bemessenen Zeilen auf die Beschreibung desselbigen verwendet, um dann Folgendes zu schreiben: "Es würde sich an dieser Stelle nicht lohnen, die Irrtümer und Missverständnisse aufzuzählen, die der abenteuerlichen Fehlkonstruktion des Prinzips Eigentum auf der von Rousseau über Marx bis zu Lenin führenden Linie innewohnen". Aha. Es lohnt sich also über die Hälfte des Artikels dafür zu verwenden, den linken Eigentumsbegriff in all seinen Details samt historischer Herleitung zu beschreiben - aber die Kritik daran lohnt sich dann irgendwie doch nicht.
Also halten Sie sich gar nicht großartig mit der Dekonstruktion dessen auf, was sie eigentlich kritisierten wollen, sondern liefern gleich Ihre eigene Vision des Kapitalismus, die so eigen dann ja doch wieder nicht ist, wie Sie mit den zahlreichen Verweisen auf die liberale Geistesgeschichte ja selbst einräumen. Wahrscheinlich, um dafür Glaubwürdigkeit zu gewinnen, wollen Sie offenbar zeigen, dass Sie irgendwas von Wirtschaft verstanden haben. Vielleicht haben Sie sogar ein ganz gutes Buch zum Thema gelesen. Auf jeden Fall scheint bei Ihnen irgendwie hängen geblieben zu sein, dass unser kapitalistisches System auch etwas mit Zins, Verschuldung und Eigentum zu tun hat. Nur was es genau damit auf sich hat, das scheinen Sie nicht verstanden zu haben.
Der marxistisch konstruierte Gegensatz von Kapital und Arbeit, den sie in ihrer gewohnt schwurbeligen Art als "basale Antagonie zwischen Kapital und Arbeit" bezeichnen, ist sicher – selbst aus marxistischer Perspektive – nicht mehr zeitgemäß. In Zeiten von Finanzinvestoren und Leverage-Buy-Outs ist er vielmehr einem komplizierten Beziehungsgepflecht zwischen verschiedenartigen Eigentümern, Gläubigern, Managern und Arbeitnehmern gewichen.
Die über 160-jährige Debatte über die Beziehungsstruktur zwischen Kapital und Arbeit aber mit der flapsigen Bemerkung "Der Movens der modernen Wirtschaftsweise ist nämlich keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen. Vielmehr verbirgt sich es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern" beiseite zu wischen, das muss wohl der Anti-Intellektualismus sein, vor dem ZEIT-Autor Adam Soboczynski so eindringlich warnt. Nur findet er nicht nur im Internet seinen Platz, sondern auch im Feuilleton der FAZ. Es wäre schlicht ein Stilbruch in Ihrem Artikel, wenn Sie Ihre gewagte These durch irgendwelche Fakten oder auch nur Theorien untermauern würden. Wahrscheinlich verzichten Sie deshalb konsequenterweise darauf.
Das nun Folgende noch zu kommentieren, dazu fehlt mir fast die Kraft. Die gesammelten Wahlkampfreden Guido Westerwelles in ihrer verschwurbelten Sprache zu lesen, das hat entgegen meiner Erwartung grauenhafterweise nichtmal mehr Unterhaltungswert.
Der Staat ist ein Ungeheuer, der die Produktiven auf Kosten der Unproduktiven beraubt und sich dabei der progressiven Einkommensteuer bedient. Gähn. Wenn ich politischen Libertarismus pseudophilosophisch gerechtfertigt lesen will, dann greife ich zu den Werken Ayn Rands, die hat das vor über sechzig Jahren schon besser hinbekommen. Sie unternehmen ja nicht mal mehr den Versuch einer philosophischen oder ökonomischen Rechtfertigung Ihres Anti-Steuer-Pamphlets.
Der staatliche Umverteilungsmechanismus ist übrigens durchaus so gewollt, selbst von arbeitgerbernahen Wirtschaftsinstituten. Das Fehlen von Umverteilung würde uns nämlich nicht nur in ein soziales und moralisches, sondern auch in ein ökonomisches Dilemma bringen.
Ihr Lösungsvorschlag: Zwangssteuern abschaffen und die Reichen tragen aus Eigeninteresse ihren Teil zur Finanzierung des Allgemeinwesens bei, sozusagen als Almosen im Sinne des sozialen Friedens. Na das ist ja mal originell. Wie gut für Sie, dass philosophische Gedanken meist nicht danach bewertet werden, ob sie auch funktionieren. So muss sich auch niemand mit den Irrtümern des Herrn Sloterdijk befassen - zum Glück.
Freundlich grüßt,
der Döner
PS: Ich habe mir eben nochmals Arnulf Barings "Bürger auf die Barrikaden" durchgelesen. Der Vergleich war (auch von der FAZ) unfair. Ganz so tief sind Sie noch nicht gesunken.
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