Die wundersame Aufblähung von Standardisierungsgremien rund um die Welt
Vor einem Jahr hatte das nationale Standardisierunggremium in Italien noch fünf Mitglieder - heute sind es 83. Ein Zufall? Wohl kaum, meint Joachim Jakobs, Pressesprecher der Free Software Foundation Europe (FSFE). Denn eine wichtige Entscheidung steht an: Kann Microsoft ein proprietäres Format als weltweiten offenen Standard verkaufen?
Für das Handelsblatt habe ich das Thema bereits ausführlich aufgearbeitet. Wer wissen will, worum es sich bei Microsofts neuem Office-Format Office Open XML handelt, lese dazu bitte meinen Artikel auf Handelsblatt.com: "Microsoft macht auf freizügig". Wen technische Details interessieren, dem empfehle ich diese Präsentation (PDF) von Anand Vaidya, die alle Probleme des Formats ausführlich erläutert.
Nun gibt es aber Neues in dieser Sache zu berichten: Joachim Jakobs, Sprecher der FSFE, informiert über einigen Merkwürdigkeiten rund um die anstehende Entscheidung am 2. September dieses Jahres.
Angesichts des wachsenden Widerstands gegen Microsofts Bemühen, den eigenen Standard bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO) zu etablieren, ist Joachim Jakobs die merkwürdige Vergrößerung der nationalen Standardisierungsgremien vieler Länder aufgefallen, die ihre Empfehlung an die ISO abgeben werden. In Italien beispielsweise von fünf auf 83 Mitgliedern, in den USA von 19 auf 26 Mitglieder. Unter den Neumitgliedern sind vor allem Microsoft-Partner. Ein Schutz dagegen gibt es bisher offenbar nicht - die Standardisierungsgremien waren traditionell immer eine eher unpolitische Sache, die für beteiligungswilligen Unternehmen offen ist.
Merkwürdiges gibt es aus Portugal zu berichten: Da führt ein Microsoft Vertreter den Vorsitz der “Technischen Kommission” und verweigert den Vertretern von SUN und IBM die Beteiligung an der Veranstaltung. Begründung: Es gäbe zu wenig Platz in dem Raum!
Quelle: fsfe.org
Trotzdem sprechen sich immer mehr nationale Standardisierungsgremien gegen Microsofts Bemühen aus. Kritische Stimmen kommen inzwischen aus China, den USA und Südafrika. Eine Empfehlung gab es bisher - unter anderem unter Protest von IBM - nur von der ECMA.
Insgesamt sieht es momentan nach Einschätzung vieler Freunde offener Formate eher gut aus im Kampf der Standards. Ubuntu-Grüdnder Mark Shuttleworth schreibt beispielsweise in seinem Blog:
It’s too early to say for certain, but there are very encouraging signs that the world’s standards bodies will vote in favour of a single unified ISO (”International Standards Organisation”) document format standard.
Dazu gibt es auch eine Ikhaya-Meldung.
www.geniisoft.com hat das mit Microsoft Office 2007 eingeführte Format auf seine Verbreitung untersucht: Laut Bericht verliert es klar gegen das herstellerunabhängige OpenDocument-Format, das bereits als ISO-Norm 26300 verabschiedet ist. 13.400 in den vergangenen drei Monaten im Internet publizierten ODF-Dokumenten stehen 1.329 Dokumente im Microsoft-Format gegenüber, was auch Slashdot berichtet.
PS: Die Open-Source-Alternative OpenOffice.org, von der das bereits erwähnte offene ISO-Format OpenDocument verwendet wird, zwingt Microsoft in Polen breits zu Preisnachlässen, wie pro-linux.de unter Berufung auf dobreprogramy.pl berichtet. Microsoft Office 2007 soll demnach statt umgerechnet rund 110 Euro nur noch ca. 50 Euro in Polen kosten.
Update:
Heute (22. August 2007) hat sich das höchste deutsche Standardisierungsgremium, das Deutsche Institut für Normung (DIN), für Microsofts OpenXML-Format als ISO-Standard ausgesprochen. Näheres gibt es dazu auf heise open.