Ausgehend von der Neubesetzung sechs Professorenstellen an der Universität zu Köln, ist unter deutschen Volkswirtschaftlern ein Streit entbrannt, der inzwischen längst über die Grenzen Kölns hinausgeht. Es geht um die Ausrichtung der ökonomischen Ausbildung in Deutschland. Die Debatte wird erbittert geführt. Auf der einen Seite stehen die Anhänger der klassischen deutschen Ordnungspolitik.
Ihnen gegenüber stehen die Befürworter mathematisch-formalisierter quantitativer Makroökonomie-Modelle, die sich an der angelsächsischen Forschungstradition orientieren. Der immer noch anhaltende Streit wird ausführlich unter anderem in der FAZ und im Handelsblatt dokumentiert.
Ich selbst bin kein VWLer, ich habe Sozialwissenschaften in Düsseldorf studiert, das heißt Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Soziologie. Dennoch habe ich einige VWL-Veranstaltungen besucht und jeder, der mich kennt, weiß von meinem großen Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen. Deshalb will ich, sozusagen aus der Außenperspektive, nun auch mal meine Meinung zu der Debatte kundtun.
Die Ordnungspolitik hat ihr Schuldigkeit getan, sie kann gehen
Ich spreche der Schule der deutschen Ordnungspolitik ab, überhaupt eine Wissenschaft zu sein. Eine Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigenen Prämissen immer wieder infrage stellt und in nachvollziehbarer Weise überprüft. Das tut die Lehre der Ordnungspolitik durch den völligen Verzicht auf Empirie nicht. Die "Erkenntnisse" der Ordnungspolitik mögen zwar besser funktionieren als die des "wissenschaftlichen Sozialismus" - aber die wissenschaftliche Güte beider Ökonomienschulen bewegt sich aus meiner Sicht auf einem ähnlichen Niveau.
Walter Eucken hat sicher seine unbestreibaren Verdienste am westdeutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Ihm ist es gelungen, die traditionell marktskeptische deutsche Politik und Bevölkerung über eine theoretische Fundierung an die Marktgesellschaft zu gewöhnen. Das noch größere Verdienst gebührt wahrscheinlich dem zweiten großen Theoretiker der Ordnungspolik Alfred Müller-Armack. Theoretisch weniger interessant, dafür aber mehr praktisch orientiert als Eucken, verstand er es, über das Label der "Sozialen Marktwirtschaft", den Ordoliberalismus den Deutschen auch zu verkaufen - ein Begriff, den Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard dann popularisierte.
Dennoch war die deutsche Ordnungspolitik immer mehr eine Ideologie als eine Wissenschaft. Mit Bezügen zur Philosophie und in vielen schönen Worten versuchte sie, eine Marktgesellschaft zu rechtfertigen - und verzichtete dabei auf Empirie. Sowohl die Prämissen dieser Ideologie als auch deren geisteswissenschaftliche hermeneutische Methodik sind meiner Meinung nach überholt.
Ausdruck dafür ist für mich beispielsweise der "ordnungspolitische Einspruch", den IW-Direkter Michael Hüther regelmäßig für das Handelsblatt schreibt. Die Kommentare gleichen eher einer Sonntagspredigt als wissenschaftlichen Beiträgen. Beinahe börsentäglich werden dort der Gemeinde der Gläubigen die immergleichen Dogmen eingetrichtert. Da kann draußen die Finanzkrise toben und die Weltwirtschaft kollabieren - die Gemeinde klammert sich nur um so fester an die alten Glaubenssätze. Das Wiederholen ordnungspolitischer Mantras mag in so stürmischen Zeiten einen gewissen Halt geben - ein wertvoller Beitrag zur wirtschaftswissenschaftlichen Debatte ist es aber nicht.
Wer in den ordoliberalen Werken der deutschen Schule der Ordnungspolitik nach den heute extrem wichtigen Unterschieden zwischen Finanz- und Gütermärkten oder Märktepsychologie sucht, wird enttäuscht. Eine Wirtschaftstheorie, die Kapitalmärkte und deren Auswirkungen auf die Realwirtschaft praktisch ignoriert, ist nicht mehr zeitgemäß. Punkt.
Makroökonomen klammern sich an falsche Annahmen
Ist die deutsche Ordnungspolitik mit ihrem geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Ansatz frei von Formeln, wird man in der quantitativen Makroökonomie geradezu mit Mathematik erschlagen. Kein Problem, das sich nicht in eine Formel packen ließe, kein menschliches Verhalten, das sich nicht in Form einer Nutzenfunktion darstellen ließe, scheint der Credo dieser Schule zu sein.
Doch die Über-Formalisierung täuscht wissenschaftliche Exaktheit vor, wo meist ebenfalls nur Glaubenssätze herrschen. Leider operieren viele quantitative Makrökonomen mit Prämissen, die nicht - wie sie behaupten -eine Annäherung an die Realität darstellen, sondern weit von dieser entfernt sind. Zahlreiche gut dokumentierte psychologische Experimente haben das Menschenbild des homo oeconomicus so grundlegend widerlegt, wie kaum ein andere Prämisse in der Wissenschaft. Das scheint viele Makroökonomen allerdings nicht im geringsten zu stören.
Die Ökonomie leidet an ihrer Ideologisierung
Mich hat es erschreckt, wie unkrititisch und unreflektiert einige Ökonomen mit ihren eigenen Modellen, Prämissen, Methoden und Erkenntnissen umgehen. Vielleicht leidet die Ökonomie immer noch darunter, dass sie in Zeiten der Ost/West-Konftrontation auch in forderster Front im Kampf gegen den Sozialismus stand. Vielleicht ist sie deshalb so voller Dogmen und unantastbarer Glaubenssätze, weil sie eben auch im Kampf gegen eine Ideologie instrumentalisiert wurde.
Eine Wissenschaft aber muss frei von Vorurteilen sein, muss die eigenen Prämissen immer wieder infragestellen. Eine Wissenschaft, die diesen Namen verdient, stellt Thesen auf, die empirisch falsifizierbar sind. In diesem Sinne dürfte ein Großteil dessen, was Ökonomen für Erkenntnisse hielten, durch die Finanzkrise als falsifziert gelten.
Just my 2 Cents
Es wird Zeit, dass sich die Ökonomie endlich konsequent wissenschaftlichen Methodiken unterwirft. Prämissen müssen, soweit das möglich ist, überprüft werden und dürfen keiner ideologischen Überzeugung entspringen. Dafür ist ein interdisziplinärer Ansatz nötig. Ökonomen steht beispielsweise eine Fülle von Erkenntnissen über das Verhalten von Menschen aus psychologischen Experimenten zur Verfügung.
Die Ökonomie muss, will sie für die Gesellschaft nützliche Erkenntnisse liefern, sich an den realen Bedürfnissen von Menschen orientierten. Nutzen und Wohlstand ist für die Menschen nicht mit Geld gleichzusetzen, diese Gleichsetzung ist in den matriell gesättigten Volkswirtschaften der westlichen Welt falscher als je zuvor. Auch hier ist ein interdisziplinärer Ansatz sinnvoll: Von Soziologen und Psychologen aus dem Bereich der Glücksforschung können Wirtschaftswissenschaftler erfahren, was Menschen wichtig ist.
Weiterhin darf sich die Ökonomie nicht in vereinfachende Modelle flüchten. Die Welt, auch die Welt der Wirtschaft, ist komplex. Wer sie annähernd realitätsnah beschreiben will, muss Phänomene wie Transaktionskosten, Informationsassymetrien und den menschlichen Herdentrieb beachten, die in vielen makroökonomischen Modellen immer noch unter den Tisch fallen. Wenn Ökonomen den Anspruch haben, reale Erkenntnisse über reale Probleme zutage zu fördern, müssen sie sich auch an diesen orientieren und nicht an weltfremden Modellen, in denen rationale Nutzenmaximierer in einem völlig transparenten Markt agieren.
Bei der Erforschung der Funktionsweise komplexer Systeme können Ökonomen vielleicht sogar von den Erkenntnissen der Biologen profitieren. Zumindest glaubt das Nicholas Taleb.
In den USA und England haben viele Wirtschaftswissenschaftler die Probleme ihrer Diziplin längst erkannt. Dort haben Ökonomen wie George Akerlof (USA) und Richard Layard (Großbritannien) schon vor der Finanzkrise den alten Dogmen den Kampf angesagt.