Es ist ein unter Medienwissenschaftlern weithin bekanntes Phänomen, dass Medien als um so wertvoller angesehen werden, je älter sie sind. Neue Medien stoßen dagegen zunächstauf Ablehnung, dann auf Akzeptanz, später werden sie zum Kulturgut. Die Medienwissenschaftlerin Prof. Keuneke spricht in diesem Zusammenhang von Medienängsten - und das ist meines Erachtens auch genau der richtige Begriff dafür. Angst hat anders als die von ihr zu differenzierende Furcht keinen konkreten Auslöser, sondern ist diffus. Es mag unseren archaischen Wurzeln geschuldet sein, dass sich unter Menschen aller Kulturen Angst vor Neuem und Unbekannten beobachten lässt. All zu viel Aufgeschlossenheit und Neugier konnte in finstereren Zeiten schließlich sehr schnell die Ausmerzung aus dem Genpool bedeuten.
Ob es sich dabei um fremde Kulturen oder neue Medien handelt - was unbekannt ist, wird zunächst von vielen abgelehnt. Das lässt sich auch bei neuen Medien beobachten. Ganz am Anfang war es die Schrift, die auf Ablehnung stieß:
„Denn im Vertrauen auf die Schrift werden sie (die Menschen) ihre Erinnerungen mithilfe geborgter Formen von außen heranholen, nicht von innen aus sich herausziehen; so dass sie sich vielwissend dünken werden, obwohl sie größtenteils unwissend sind, und schwierig im Umgang sein, weil sie scheinweise geworden sind statt weise“
Platon
Dann war es der Roman:
„Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen führt zu Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, namentlich zu Hypochondrie, die (...) namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentümlich auf die Geschlechtsteile wirkt“
(Beyer 1795, zit. nach Kottkamp 2002)
Dann das Kino:
„Die dargestellten Vorgänge (...) verlangen geradezu das Ausschalten jeder Denkkraft (...), so daß sie, öfter genossen, geradezu verdummend (...) auf den Geist wirken müssen“
(Lange 1920 über das Kino).
Alle Zitate jeweils zitiert nach "Prof. Keuneke: Angstmedien - Medienängste". Es folgte die Zeitung, der Rest dürfte den meisten noch in Erinnerung sein: Erst war das Fernsehen des Teufels, dann das Internet, später Killerspiele. Heute gelten Bücher selbstverständlich als wertvoll und Filme als schützenswerte Kulturgüter. Eigentlich schafft es nur das Fernsehen älter zu werden ohne an Ansehen zu gewinnen - das mag in diesem Fall tatsächlich mal an den Inhalten des Mediums liegen. Neu ist also nicht die Medienangst, sondern die Medien, die Angst auf sich ziehen.
DIE ZEIT hat derzeit die Angst vor dem Internet als Thema entdeckt und lässt Autoren angstrieben unerträglichen Unsinn in vollen Kübeln über das neue Medium ausschütten - natürlich nicht ohne Gegenrede.
Das alles wäre meines Erachtens eigentlich keines Kommentares würdig. Für mich, der mit dem Netz sozusagen aufgewachsen ist, ist das Internet nichts weiter als eine Art riesige Kneipe: Es tummelt sich halt das Leben darin. Wem manche Leute nicht gefallen - und das gilt für mich auch für viele Kneipen - der gehe in eine andere Ecke, denn das ist im Internet ohne Probleme möglich.
Ich habe die Debatte also bisher schlicht ignoriert und kann ihr durch den neuesten ZEIT-Kommentar zum Thema dann doch noch einen interessanten Aspekt abgewinnen: "Schluss mit dem Geschnatter" fordert ZEIT-Autor Jens Uehlecke und meint Twitter.
Der Kommentar ist Ausdruck der wahnsinnigen Beschleunigung der Medienangst-Zyklen. Nicht mehr das Internet ist jetzt der Bösewicht, sondern dessen neuester Hype. Blogs dagegen haben es in der Rezeption dieses Autors schon in den Rang von Qualitätsmedien geschafft:
Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme!
Um Twitter zu verunglimpfen bedient er sich eines bildhaften Vergleichs. Twitter, ätzt er, seien die "Klowände des Internets". Hatten wir das nicht schon mal? Doch richtig: Mit den exkakt selben Worten zog Jean-Remy von Matt noch vor drei Jahren über Blogs her und entschuldigte sich später dafür. Damals läuteten Blogs noch das Ende von allem ein, was wahr, gut und richtig ist. Heute gelten sie als Kulturgut, Twitter als die neue Seuche des Netzes - zumindest für Jens Uehlecke. Der Zyklus der Medienangst hat sich in selbstentlarvender Form beschleunigt.
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Sehr schöne Replik!
@zeit: Das ausgerechnet Journalisten zu wenig Medienkompetenz haben, um Twitter beurteilen zu können...
Würde auch gerne eine Replik schreiben, aber leider sind die Klowände in der Zeitredaktion nichtöffentlich... ;-)
@Florian semle: Du kannst auf Zeit Online unter dem entsprechenden Artikel einene Kommentar hinterlassen.
Tweets sind die Aphorismen der Bloggerei.







Schöne Aufbereitung zum Thema "Medienangst". Triffst es auf den Punkt und die Idee mit den Verweisen auf Platon und Co ist richtig klasse :)