blogage.de > Blog ohne Namen > Eintrag > 23. August 2009 > Inglourious Basterds
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Achtung, der folgende Beitrag enthält einige Spoiler, wichtige Teile der Handlung werden verraten!

Im Gegensatz zu vielen anderen halte ich Quentin Tarantino nicht für ein Genie. Aber er versteht sein Handwerk. Die zuletzt viel kritisierten Filme "Grindhouse" und "Planet Terror" (wie ein Leser richtig anmerkte, ist "Planet Terror nicht von Tarentino) habe ich nicht gesehen, aber die als Popcorn-Kino inszenierte Gewaltorgie "Kill Bill" war einfach gut gemacht, ebenso sein gekonntes Spiel mit dem Spannungsbogen bei "Reservoir Dogs" und natürlich die unnachahmlich coole filmische Umsetzung der Schundliteratur in "Pulp Fiction". Dass Tarentino ein Meister des Filmzitats und ein ausgewiesener Kenner der Populärkultur seiner Zeit ist, der es versteht, die popkulturellen Leitbilder seiner Jugend meisterhaft zu komponieren, benötigt wohl keiner weiteren Ausführungen.

Doch mit seinem neuesten Werk betritt Tarantino Neuland: Die psychologische Kriegsführung gegen den Zuschauer.

Meine Erwartung an "Inglourious Basterds" (absichtliche Falschschreibung von "Inglorious Bastards") waren gering. Eine jüdische Rachephantasie, herrlich inszeniertes Gewalt-Popcorn-Kino im Stile von "Kill Bill", blutig, unterhaltend mit einer guten Portion derben Humors. Durchaus etwas, wofür es sich lohnt, ein Kino zu besuchen - aber sicher kein Meisterwerk.

Doch meine Erwartungen wurden enttäuscht - in positiver Hinsicht. Tarentino erweist sich erneut als ein Meister der Komposition - doch diesmal erschafft er damit mehr als handwerklich perfekt inszenierte Unterhaltung. Diesmal ist es - ich will dieses hochtrabende Wort an dieser Stelle mal benutzen - Kunst.

Wenn in der ersten Szene (Tarantino-typisch als Kapital bezeichnet) der wortgewandte und hochintelligente SS-Obersturmbannführer seinem Sadismus an einer wehrlosen jüdischen Familie freien Lauf lässt, freut sich der Zuschauer schon innerlich auf eine nach Tarantino-Manier durchexerzierte Gewaltorgie der Rache, ausgeführt von den "Inglourious Basterds", jüdisch-stämmigen Amerikanern, die sich das Metzeln in Nazi-Deutschland auf die Fahne geschrieben haben. Doch der aus "Kill Bill" gewohnte Flow der Gewaltinszenierung wird schon unterbrochen, bevor er sich überhaupt eingestellt hat.

Nicht durch die schonungslose Gewalt, die die Basterds anwenden - denn die wird vom Zuschauer ja erwartet - sondern durch die Darstellung der Opfer. Denn die ersten Opfer der Basterds sind keine Nazi-Größen, sondern einfache deutsche Soldaten, die im Kontrast zu den cartoonartig überzeichneten Basterds sehr menschlich wirken. Der erste Soldat, der als Projektionsfläche des brutalen Nazi-Regimes dienen könnte, auf welche der Film eine herbeigesehnte jüdische ebenso brutale Antwort inszeniert, verweigert sich als dieses Symbol zu dienen. Auf die Frage der Basterds, ob er seinen Orden fürs "Juden töten" bekommen habe, antwortet er: "Nein, Tapferkeit". Auf im wörtlichen Sinne brutale Weise beraubt Tarentino die Zuschauer der Befriedigung ihrer so herbeigesehnten sadistischen Rachgelüste, lässt dir verstört und unbefriedigt zurück.

Der nach Popcorn-Gewalt lüsterne Kinobesucher ertappt sich plötzlich dabei, wie er mit dem ersten Opfer der Gewalt mitfühlt: Einem menschlich gezeichnetem deutschen Soldaten, der es ablehnt, seine Kameraden zu verraten und dafür brutal den Schädel eingeschlagen bekommt. Komponiert wird diesmal also nicht nur in Filmzitaten, sondern auch Genres: Cartoon-Gewalt trifft auf menschliches Anlitz.

Auf diesen beiden verstörenden Szenen - der Gewalt an der jüdischen Familie und der Gewalt an den deutschen Soldaten - baut Tarentino den restlichen Film auf. Natürlich folgt dann alles, was man von ihm gewohnt ist: Beißende Satire, grotesk überzeichnete überaus witzige Szenen, selbstreferentielle Anspielungen, Close-Up-Fetischismus und natürlich auch die Lust an der Gewaltinszenierung - aber deutlich zurückgenommener als von mir erwartet und am klarsten ausgerechnet in der Szene, in der der weibliche jüdische Racheengel von einem deutschen Soldaten getötet wird, der kurz zuvor zum ersten Mal Reue über seine vermeintlichen Heldentaten zeigte.

Einziger Wermutstropfen ist die katastrophale schauspielerische Leistung von Diana Kruger, die in diesem ansonsten (von Till Schweiger abgesehen) hochkarätig besetzten Film wie eine völlig deplatzierte Laiendarstellerin wirkt, die geradewegs einer deutschen Nachmittags-Gerichtsshow entlaufen zu sein scheint. Doch selbst an dieser Stelle könnte man Tarantino noch Genie und einen gekonnten Seitenhieb unterstellen: Schließlich verkörpert Kruger eine Schauspielerin.




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Kommentare Help Feed

Shunter (Anonym)
vor 4 Monaten

Hallo,

nur als kleiner Hinweis: Planet Terror ist nicht von Tarantino, sondern von Rodriguez.

gtx

Jochen (Anonym)
vor 4 Monaten

Hübsche Interpretation, danke dafür. Ich selbst bin immernoch etwas verwirrt, was den Film betrifft.

Ich weiß aber nicht, was alle gegen Diana Kruger haben. So schlecht fand ich die nicht.

Uupsis (Anonym)
vor 4 Monaten

Quentin Tarantino ist einfach gut :-)



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