Viele aus meiner Generation reagieren mit Verwunderung, wenn die derzeit in Politik und Medien Etablierten über das Internet reden. "Internetausdrucker" werden sie hämisch genannt, weil sie - wie manch Spitzepolitiker schon offen zugab - das Netz nicht selbst erkunden, sondern es sich relevante Inhalte von der Sekretärin ausdrucken lassen.
Dass solchen Leuten Zweck und Wesen des Netzes gänzlich verschlossen bleibt, kann eigentlich nicht verwundern. Dass sie nicht begreifen können, dass das Prinzip und Wesen von Computern und Computer-Netzwerken das Kopieren ist, dass eine Nachricht nicht gesendet, sondern kopiert wird und dass es keinen Kopier-, sondern höchstens einen Kapierschutz gibt (Andy Müller-Maguhn). Dass in einer solchen Welt die künstliche Verknappung und Monopolsierung von Wissen und Informationen in den allermeisten Fällen kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr ist - das alles werden diese Leute, die mit Verlagen, Büchern, Schallplatten und Briefen aufgewachsen sind, überwiegend nicht mehr begreifen.
In den Augen dieser Leute werden soziale Beziehungen unwirklich ("virtuell") und Freundschaften wertlos, nur weil man über das Netz kommunuziert. So also wäre der Brieffreund oder der Anrufer auch nur durch die gewählte Kommunikationsform "virtuell".
Doch am prägendsten für das Bild und den Umgang mit dem Internet dieser Leute ist nicht das Unverständnis, sondern das, was Unverständnis und Unwissenheit immer unvermeidlich erzeugt: Die Angst.
So wie sich Platon vor der Schrift geängstigt hat, ängstigen sie sich vor dem neuen Medium, weil ihnen durch ihre Inkompetenz die Kontrolle darüber entgleitet. Weil dort etwas gewachsen ist, das chaotisch, demokratisch, unkontrollierbar und frei ist wie kein Medium davor.

Wer sich ein Bild von dem Ausmaß dieser Angst machen will, schaue in den am Montag erscheinende Ausgabe des Spiegels (33/2009). Ich zitiere (S. 70):
Die Grauzonen dieser neuen Weltordnung werden vom organisierten Verbrechen genutzt. Während an der Oberfläche des digitalen Reichs tausend bunte Blumen blühen, Shopping, Chats, Schöngeistiges, wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschungen und Terror.
So sieht das Internet durch die Brille der Angst aus.
PS: Ich habe noch nicht weiter gelesen. Auf Twitter meinen viele, der Artikel würde danach differenzierter werden.
Update vom 10. August:
Wem das als WTF-Effekt nicht reicht: Im Internet sind Dinge möglich die im realen Leben niemals möglich wären. Zum Beispiel? Zum Beispiel Kinderpornografie. Ja, ernsthaft:
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„Denn im Vertrauen auf die Schrift werden sie (die Menschen) ihre Erinnerungen mithilfe geborgter Formen von außen heranholen, nicht von innen aus sich herausziehen; so dass sie sich vielwissend dünken werden, obwohl sie größtenteils unwissend sind, und schwierig im Umgang sein, weil sie scheinweise geworden sind statt weise“
Platon







Platon Angst vor Schrift zu unterstellen, ist ein wenig über Ziel hinaus geschossen ;)